Mein Heimatland die Ukraine

Kaplan Augustin Atamanyuk am 10. September 2014

Was wird der Referent wohl über die kriegerischen Konflikte in seinem Heimatland Ukraine berichten? fragte sich mancher Besucher des ersten Seniorennachmittags im Herbst. Kaplan Augustin Atamanyuk, Seelsorger im Pfarrverband Dachau - St. Jakob, war gerade zuvor von seinem Heimaturlaub zurückgekehrt. Aber er wollte die aktuelle politische und militärische Lage nicht zum Hauptthema machen.
Zunächst erzählte er über seinen Werdegang als Priester. Er wurde in einem Dorf in Galizien geboren, einem westlichen Bezirk der Ukraine, das von der europäischen Geschichte geprägt ist. Von seinen Eltern und von seiner katholischen polnischen Großmutter wurde er religiös erzogen, und so spürte er bereits am Gymnasium die Neigung zu einem geistlichen Beruf. Als Fremdsprache wählte er Deutsch. Nach dem Abitur studierte er Theologie am Priesterseminar in Ternopil und wurde dort Präfekt. 2002 wurde er zum Priester geweiht. Der Bischof der Ukrainischen Katholischen Ostkirche schickte ihn nach Deutschland. Augustin Atamanyuk hatte das gängige Deutschlandbild der Ukrainer im Kopf, und das bestand aus „bayrischer Lederhose und Bier“. Er stellte schmunzelnd fest, dass die bayrische Küche mit dem Hauptgericht „Fleisch, Sauerkraut und Kartoffeln“ dem Essen seiner Heimat gleichen würde. Außerdem sei ihm das Alphorn der Alpenregion bekannt gewesen, denn im Karpatengebirge werde es ebenfalls geblasen. Ebenso würde der Brauch des Johannisfeuers in seiner Heimat gepflegt. In Eichstätt studierte Atamanyuk an der katholischen Universität Homiletik ( Lehre von der Predigt ) und Spiritualität. Nach diesem Aufbaustudium wurde er geistlicher Betreuer der Schwestern im Haus Maria Stern in Schäftlarn. Seit 2007 ist er in Dachau als Kaplan tätig.

Dann zeigte der Referent die Lage der Ukraine auf der Landkarte und beschrieb sein Heimatland. Die Ukraine ist mit 27 Bundesländern das zweitgrößte Land in Europa. Der Name Ukraine ist seit dem 12. Jh. belegt und meint in einer der gängigen Bedeutungen „Grenzland“. Tatsächlich grenzt die Republik an Polen, die Slowakei, Moldawien, Rumänien, Ungarn, Weißrussland und Russland. Das Land besteht aus Gebieten mit Wald im Nordwesten und ausgedehnten Steppen.

Holzwirtschaft, Anbau von Getreide und Kartoffeln und Viehzucht wird in dem fruchtbaren Land betrieben.Die Industriegebiete liegen weit im Osten, und dort wohnen und arbeiten überwiegend Russen, die von Stalin dort angesiedelt wurden. In den großen Städten dort und auf dem Land leiden die Menschen jetzt unter den blutigen Kämpfen zwischen den russischen Rebellen und den Regierungstreuen. Ein Teil der russischen Bevölkerung trauert der ehemaligen Sowjetunion nach, die ihr einen ausreichenden, wenn auch niedrigen Lebensstandard sicherte. Diese Leute seien auch heute noch mit Brot, Alkohol und Fleisch zufriedenzustellen. Die westlich orientierte Bevölkerung sehne sich nach einem höheren Lebensstandard. Sie arbeite fleißig, aber die allgegenwärtige Korruption mache ein Vorwärtskommen sehr schwer oder unmöglich. Mit der äußerst niedrigen Rente nach einem arbeitsreichen Leben könne der alte Mensch nicht leben.
Kaplan Atamanyuk gab auch einen Überblick über die lange, wechselvolle Geschichte seines Landes und setzte Schwerpunkte. Zunächst ging er auf die „Kiever Rus“ ein, das Stammland der heutigen Ukraine. „Kiever Rus“ wird übersetzt mit „Land eines Volkes mit hellen Haaren“. Auch heute sieht man in der Ukraine noch Menschen mit blondem Haar. Unter dem Großfürsten Jaroslav dem Weisen (1019-1056), der wie seine Vorgänger mit dem byzantinischen Ritus getauft war, kam das Reich mit seiner Hauptstadt Kiev zu großer Blüte. Kirchen und Klöster wurden gebaut für die griechisch-orthodoxen Christen, die dem Patriarchen von Konstantinopel unterstanden. Die Großfürsten betrieben von Anfang an eine europäisch orientierte Heiratspolitik. Für alle Zuhörer war es eine große Überraschung, dass die Hl. Edigna, die in Puch bei Fürstenfeldbruck verehrt wird, eine Enkelin von Jaroslav war. Dieser hatte Anna, eine französische Königin, geheiratet.
Genauer ging Kaplan Atamanyuk auf die Zeit des Kommunismus ein, die er selbst noch erlebt hatte. Seine Großeltern konnten ihm von den Repressalien und Grausamkeiten erzählen, die offiziell verschwiegen wurden. Dies waren seine Hauptpunkte:
Neben der Russifizierung wurden dem Land eine fremde Kultur und eine andere Landwirtschaft aufgezwungen. Stalin wandelte die Bauernhöfe in Kolchosen um und zwang die Bauern, ihre Ernte nach Moskau zu liefern. Deswegen brach eine große Hungersnot aus mit 5 Millionen Toten. Die Eliten des Landes wurden nach Sibirien verbannt, und die Ausübung der Religion wurde verboten.
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erklärte sich die Ukraine im Jahr 1991 unabhängig. Das Kiever Patriarchat existiert eigenständig neben dem Moskauer Patriarchat. Heute gibt es drei orthodoxe Religionen und eine griechisch-römische Religion mit byzantinischem Ritus, daneben wird der jüdische Glaube von der Minderheit der Juden praktiziert. Auf der Krim, die Russland erst vor kurzem annektiert hat, besuchen die muslimischen Tartaren ihre Moscheen und öffnen sie den Christen.


Der Referent hatte eine Sammlung von traditionellen Handarbeiten mitgebracht und erklärte die Stickereien, die ein Programm enthalten und wie eine Schrift zu lesen seien. Die bestickten Hemden, Blusen und Tücher gehören zur Ausstattung traditionsbewusster Familien und begleiten sie ein Leben lang. Viele der Stickereien sind mit rotem Faden ausgeführt. Das schönste Tuch bekommt die Braut zur Hochzeit. Die Taufpatin schenkt zur Taufe ein besticktes Hemd. Die Schulanfänger tragen ein besticktes Hemd oder eine Bluse. Es gibt ein festliches Kopfkissen zur Zierde. Um das Kreuz wird ein Tuch geschlagen, und zu Ostern wird das Ostertuch aus dem Schrank geholt. Am Ende des Lebens wird der Mensch mit dem eigenen Totenhemd bekleidet.
Einige Zuhörer stellten am Schluss des interessanten Vortrages noch Fragen zum Krisengebiet. Kaplan Atamanyuk zeigte die betroffenen Gebiete auf der Landkarte. Er hielt sich jedoch mit einer eindeutigen Beurteilung der Krisensituation zurück. Mit Nachdruck machte er aber klar, was sich seine Landsleute wünschen: Sie möchten frei leben, in Frieden arbeiten und an Kultur teilhaben.
Ursula Koch