Armut auch bei uns?

Lena Wirthmüller vom Caritascentrum Dachau am 1. Oktober 2014

 
Lena Wirthmüller, Schuldnerberaterin im Caritas-Zentrum Dachau, erstellte im Auftrag des Kreiskatholikenrates des Landkreises Dachau einen Armutsbericht für den Landkreis. Bei der Seniorenrunde St. Jakob, Dachau, referierte sie über die Ergebnisse ihrer Untersuchung, die 2013 in einer 85-seitigen Broschüre veröffentlich wurden. Frau Wirthmüller arbeitete aus dem komplizierten, wissenschaftlich aufbereiteten Material Schwerpunkte heraus. Diese veranschaulichte sie mit einigen Grafiken. Jeder Zuhörer erhielt dazu einen Flyer mit den Hauptpunkten ihres Vortrages.

1. Die Situation der Privathaushalte in der Stadt Dachau und im Landkreis

Ende 2012 lebten im Landkreis Dachau 142.021 Personen, davon 44. 882 in Dachau. Die Struktur der Haushalte wurde in Prozentzahlen ausgedrückt. Die folgenden Zahlen sind gerundet:

Singlehaushalte: Dachau 44% Landkreis 35%
Mehrpersonenhaushalte ohne Kinder: Dachau 25% Landkreis 30%
Mehrpersonenhaushalte mit Kindern: Dachau 30% Landkreis 34%

Es bestehen also Unterschiede zwischen Stadt und Land. Tendenziell verringern sich Haushaltsgrößen immer mehr, das heißt: Singlehaushalte werden zunehmen. Zu diesem Kreis gehören Personen, die älter als 60 Jahre sind. Deren Anteil beträgt 35%.
Der Ausländeranteil beträgt in Dachau 15%, im Landkreis 11%.

2. Wie ist „Armut“ definiert?
Frau Wirthmüller erläuterte den Begriff „Armut“ so:
Absolute Armut: Die betroffene Person hat zu wenig zu essen und zu trinken, und sie verfügt über keinen Wohnraum.
Relative Armut: Die betroffene Person kann nicht am üblichen Lebensstandard der Gesellschaft ihres Landes teilhaben. Daraus wird schon klar, dass damit nicht nur die Einkommensverhältnisse gemeint sein können. In Deutschland und deshalb auch in unserer Region kann man hauptsächlich von relativer Armut sprechen. Genaue Zahlen gibt es für den Landkreis nicht.
Als Bemessungsgrundlage für Armut dient ein auf europäischer Ebene festgelegtes Einkommen von monatlich rund 950 Euro. Wer nur 60% davon als Einkommen bezieht, gilt als armutsgefährdet. Mit 50% von dieser Bemessungsgröße lebt man in Armut, 40% bedeuten strenge Armut.
Davon sind im Landkreis Dachau nur wenige Haushalte betroffen.

3. Welche Transferleistungen können in Anspruch genommen werden?
Das soziokulturelle Existenzminimum ist im Sozialhilferecht abgesichert. Im Sozialgesetzbuch (SGB) ist es geregelt. Das SGB unterscheidet folgende Transferleistungen: Arbeitslosengeld und Sozialgeld, Hilfe zum Lebensunterhalt, Grundsicherung im Alter, Grundsicherung bei Erwerbsminderung, übrige Sozialleistungen, Wohngeld und Leistungen für Asylbewerber.
Für die Auszahlung dieser Transferleistungen ist das Landratsamt Dachau zuständig.
Weiter ist im 2. Teil des Sozialgesetzbuches das Arbeitslosengeld von erwerbsfähigen und nicht erwerbsfähigen Personen geregelt. Die Zusammenfassung von Arbeitslosengeld und Sozialgeld, also Arbeitslosengeld II, bezeichnet man als „Harz IV“ ( benannt nach Peter Harz, unter dessen Leitung eine Kommission ein Konzept für eine effizientere, neue Arbeitsmarktpolitik erarbeitete).
Zur Sozialhilfe gehören Hilfen für pflegebedürftige, behinderte und schwerkranke Menschen, sowie Hilfe für Menschen, die obdachlos, süchtig, oder aus dem Gefängnis entlassen sind. In Dachau erhielten über 1000 Personen diese Sozialhilfe.

4. Welche Probleme sind die Ursachen für gegenwärtige und zukünftige Armut in unserem Landkreis?
Als Hauptproblem nannte Frau Wirthmüller die Wohnungssituation. Dachau und der Landkreis gehören zum „Speckgürtel“ von München. Dachau steht an 5. Stelle unter den teuren Städten in der Bundesrepublik. Da die Bevölkerung in unserer Region und die Zahl der Singlehaushalte zunehmen, wird sich die Wohnungssituation verschärfen. Jetzt schon sind  43% der Wohngeldbezieher Rentner. Die Stadt Dachau engagiert sich sehr im sozialen Wohnungsbau und hat über einen langen Zeitraum 1200 Sozialwohnungen errichtet. Aber viele Gemeinden des Landkreises haben gar keine Sozialwohnungen gebaut.. Insgesamt besteht dort  ein Bedarf an 3500 Sozialwohnungen, die nicht nur Sozialhilfempfänger dringend benötigen, sondern auch Geringverdiener. Außerdem wird sich die Zahl der Asylbewerber verdoppeln. So wird sich die Wohnungsnot vergrößern.  Im Landkreis werden insgesamt 5000 Wohnungen fehlen, aber nur 50% davon werden voraussichtlich erstellt..
Gegenwärtig ist bereits Armut im Alter festzustellen. Man kann  beobachten, dass Senioren Zeitungen austragen und im Müll nach Flaschen suchen. Rund 500 Rentnern, die Sozialhilfe beziehen, steht ein Berechtigungsschein für die „Tafel“, zu. Aber nur knapp 100 Personen nehmen die Angebote dort in Anspruch. Das bedeutet, dass viele alte Menschen sich wegen ihrer Armut schämen. Außerdem können Sozialhilfebedürftige oft wegen ihrer Behinderung oder wegen fehlender Mobilität die kostenlosen Lebensmittel nicht abholen.
Eine weitere Ursache für Armut sind Schulden. Wenn man nicht mehr zahlungsfähig ist, spricht man von Überschuldung. 10% der Bevölkerung in Deutschland kann Rechnungen nicht mehr bezahlen. Im Landkreis sind es 7%. Die wesentlichen Gründe bei jungen Menschen sind falsches Konsumverhalten und fehlende Finanzkompetenz. Ebenso führen Arbeitslosigkeit, psychische und körperliche Erkrankungen und Ehescheidung zur Überschuldung.
Die Schuldner-und Insolvenzberatung beanspruchen fast alle der Betroffenen. Es kommen auch Personen, die von psychiatrischen Einrichtungen oder von den Eltern geschickt werden.

5. Welches konkrete Handeln kann Armut bei uns verringern?
Die Referentin gab am Ende ihres Vortrages sechs Handlungsempfehlungen, um das Problem Armut langfristig, präventiv und nachhaltig zu bekämpfen:
Als Beispiele nannte sie:
• Dezentrale Beratungsstellen einrichten,
• günstige Bustickets in der Stadt und im Landkreis zur Verfügung stellen,
• Fortbildung fördern,
• Finanzkompetenz stärken,
• Armutsbericht alle drei Jahre erstellen,
• bei Wahlentscheidungen an Parteien und Personen mit sozialem Profil denken.

Zum Schluss ermunterte Frau Wirthmüller die Zuhörer: „Wenn Sie Bekannte haben, die soziale Hilfe nötig haben, so weisen Sie diese bitte auf die Beratungsstelle im Caritas-Zentrum in Dachau hin.“
Ursula Koch