Käthe Kruse

Von der Schauspielerin zur Puppenmutter

Wolfgang Hartmann am 3.Juni 2015


Mit einem Lichtbildervortrag erinnerte Wolfgang Hartmann bei den Senioren von St. Jakob in Dachau an Leben und Werk der großen Schlesierin Käthe Kruse, die uns allen als Puppenmutter in guter Erinnerung ist. Ist es doch für viele Mädchen ein unerfüllter Wunsch geblieben, eine ihrer menschlichen Puppen zu besitzen.

Im Hinblick auf den vor wenigen Wochen gesendeten Fernsehfilm über Käthe Kruse, war es Wolfgang Hartmann ein Bedürfnis, einiges richtig zu stellen und zu ergänzen. Das wirkliche Leben unterscheidet sich doch gravierend vom Hollywood-Klischee.
 
Käthe Kruse wurde am 17. September 1883 als Katharina Simon in Breslau in Schlesien geboren. Gelegentlich wird auch behauptet, dass sie in Dambrau, im oberschlesischen Kreis Falkenberg, geboren ist. Auf jeden Fall ist sie in Breslau aufgewachsen. Trotz der liebevollen Bemühungen ihrer Mutter, war ihre Kindheit nicht schön. Sie litt unter den ärmlichen Verhältnissen und den Diskriminierungen ihrer Mutter als Alleinerziehende. Mit ihrem Vater, Robert Rogaske, der sich aus finanziellen und beruflichen Gründen nicht scheiden lassen
konnte, verbrachte sie pro Woche einen Nachmittag gemeinsam. Auf diese Abwechslung freute und wartete sie dann wieder eine ganze Woche lang. Ihre Mutter musste als Schneiderin in einer Einzimmerwohnung für den Lebensunterhalt hart arbeiten.

Als Katharina älter wurde, nahm sie ihre Tante gelegentlich ins Lobe- Theater mit. Katharina war so fasziniert, dass sie bald daran dachte, Schauspielerin zu werden. Glück, Begeisterung, Fleiß und die Hilfe ihres Deutschlehrers brachten sie nach Abschluss der Schule mit 16 Jahren zu Otto Gerlach am Breslauer Stadttheater. Hier bekam sie Schauspielunterricht und bereits mit 17 Jahren wurde sie für 250 Mark Gage ans Lessingtheater in Berlin engagiert. Die Titelrolle in Gerhart Hauptmanns ,,Hanneles Himmelfahrt“ machte sie über Deutschlands Grenzen hinaus bekannt. Wie es damals üblich war, brauchte sie einen Bühnennamen. Aus
Katharina Simon wurde Hedda Somin. Als junge erfolgreiche Schauspielerin - 19 Jahre alt - lernte sie am Künstlerstammtisch im Cafe des Westens den wesentlich älteren erfolgreichen Berliner Bildhauer Max Kruse kennen. Sucht sie in ihm den so sehnlich gewünschten Vater? Als 1902 das erste Kind geboren wird, dem noch 8 weitere folgen werden, gibt sie ihren so sehr geliebten Schauspielerberuf auf und zieht nach Ascona. Max Kruse verbringt die meiste Zeit in seinem Atelier in Berlin. 1908 heiratet Max dann endlich seine Katharina, die als Käthe Kruse weltbekannt werden sollte.

Wie kam es dazu? Eines Tages wünschte sich die dreijährige Tochter Mimerle eine Puppe. Vater Max wurde gebeten, in Berlin eine schöne Puppe zu besorgen. Aus Berlin kam statt einer Puppe die - wie wir heute wissen - folgenschwere Antwort: „Nein, ich kaufe euch keine Puppen. Ich finde sie scheußlich. Macht euch selber welche!" Das war die Geburtsstunde der inzwischen weltberühmt gewordenen Käthe Kruse Puppen. Katharina begann ihre Puppenproduktion mit einem zusammengeknüpften Handtuch, gefüllt mit Sand und einer
Kartoffel als Kopf bemalt mit einem abgebrannten Streichholz. Schritt für Schritt wurden die Techniken der Herstellung - vor allem der Köpfe - verfeinert, die Materialien verbessert und die Puppen wirklichen Babys immer ähnlicher. 1910 veranstaltete das Warenhaus Tietz in Berlin eine Ausstellung ,,Spielzeug aus eigener Hand". Käthe Kruse wurde aufgefordert, sich mit einigen ihrer Puppen daran zu beteiligen. Es war ein voller Erfolg. Plötzlich kamen Mütter und Puppenhersteller, um Puppen zu bestellen bzw. zu kopieren. Nach mehreren Preisen bei internationalen Spielwarenmessen kam der Durchbruch 1911 mit einem Telegramm aus Amerika, 150 Puppen kurzfristig zu liefern. Die inzwischen patentrechtlich geschützten Käthe Kruse Puppen traten von Amerika aus ihren Siegeszug an. Bald war die kleine Werkstatt in Berlin zu klein und eine größere wurde 1912 in Bad Kösen in Sachsen-Anhalt gefunden. Neben den herkömmlichen Puppen verschiedener Größen und Bekleidungen wurden bald auch die kleineren Puppenstubenbewohner und lebensgroße
Schaufensterpuppen in die Fertigungspalette aufgenommen. Während Käthe Kruses Kinderschar als Vorbilder für ihre Puppen diente, wurden ihre Modelle Träumerchen und Du Mein als Lehrpuppen in Babykursen und im Unterricht für Säuglingspflege benützt. Das Unternehmen wuchs auf 120 Mitarbeiter und man fertigte bis zu 12.000 Puppen pro Jahr. Inzwischen gab es neben vielen Käthe Kruse Puppen-Postkarten auch Käthe Kruse Kinder- und Puppenwagen und allerlei Zubehör zum Spielen und natürlich auch für Sammler mit inzwischen beträchtlichen Wertsteigerungen.

Der Zweite Weltkrieg und sein für Deutschland katastrophales Ende, verschonte auch Käthe Kruse nicht. Nach sehr schwierigen Verhältnissen in der DDR, mit der Enteignung des Betriebes und Umwandlung in einen Volkseigenen Betrieb (VEB), begannen die Söhne Michael und Max - Vater Max ist schon 1942 verstorben - 1946 im bayerischen Donauwörth eine neue Käthe Kruse Werkstätte aufzubauen. Tochter Hanne und Enkelin Andrea-Kathrin erweiterten das Angebot um billigere, moderne, waschbare Produkte für Kleinkinder und zum
täglichen Gebrauch. Die Produktion von Schaufensterpuppen wurde aufgrund der geringen Nachfrage aufgegeben. Heute werden von rund 80 Mitarbeitern und 85 Heimarbeitern jährlich 15.000 Puppen gefertigt.

Käthe Kruse hatte nach ihrer freudlosen, armen Kindheit viel Freude an ihren Kindern. Ein ganz besonders herzliches Verhältnis hatte sie zu ihrer ältesten Tochter Maria, ,,dem Mimerle“, die sich aufopferungsvoll der letzten Lebensjahre ihrer Mutter annahm, wie sie es Jahre zuvor für ihren Vater getan hatte. Maria selbst ist ledig geblieben.

Käthe Kruse starb am 19. Juli 1968 an Herzversagen im Krankenhaus Murnau in Oberbayern und liegt auf den Friedhof Zell in Ebenhausen bei München begraben. Mit dem Käthe Kruse Weg und dem Käthe Kruse Puppen Museum in Donauwörth hat man der großen Schlesierin in ihrer letzten Wirkungsstätte bleibende Denkmäler gesetzt.


Ergänzt wurde der Vortrag noch durch eine kleine Ausstellung mit Bildern, Büchern und Original Käthe-Kruse-Puppen. Dabei konnten Sammlern und Liebhabern einige Hinweise zu den inzwischen sehr wertvollen Exponaten gegeben werden.

Wolfgang Hartmann