Abenteuer Landesvermessung

Günther Koch am 01. Juli 2015

„Landesvermessung“ ist ein komplexes Thema. Günther Koch, zuletzt Leiter der topographischen Kartographie am Landesvermessungsamt in München, referierte über seine fast 40-jährige Tätigkeit im Außendienst und Innendienst als Landvermesser und später als Kartograph. Um seinen Vortrag zu veranschaulichen, zeigte er Bilder von seiner Arbeit, und er brachte seine Zuhörer immer wieder mit heiteren Episoden zum Schmunzeln.

Zunächst schilderte Koch seinen beruflichen Werdegang. Als Sohn eines Landwirts war er harte Arbeit auf dem Feld gewohnt. Schon als Schüler im bischöflichen Internat Kilianeum Miltenberg und als Pfadfinder hielt er sich gerne in der freien Natur auf. Da Mathematik sein Lieblingsfach war, entschloss er sich, Vermessungstechnik an der Technischen Universität in München zu studieren.

In seiner Diplomarbeit im Frühjahr 1968 beschäftigte er sich vor Ort mit der Frage, ob der „Alte Peter“ in der Münchner Altstadt die Bauarbeiten für die U-Bahn schadlos überstehen würde. Am Rosenmontag waren die Vermessungsarbeiten abgeschlossen. Am Faschingsdienstag packte er mit seinen Kollegen noch einmal das Nivelliergerät aus und narrte die Marktfrauen auf dem Viktualienmarkt mit einem großen Schild an der Messlatte: „Hier entsteht ein Minigolfplatz“.

Nach dem 2. Staatsexamen arbeitete der Referent als Diplomingenieur 10 Jahre in ganz Bayern im Außendienst, davon 5 Jahre in Unterfranken und 5 Jahre in Oberbayern und Schwaben, vom Bodensee bis zum Königssee.



Die Vermessungsabteilung Koch, sie bestand aus drei Ingenieuren, acht Messgehilfen und einem Sekretär, war mit ihrem Chef in 3 VW-Kombis zu weiträumigen Dreiecksvermessungen unterwegs, zunächst bei vorbereitender Erkundung, dann bei Vermarkung und Signalisierung. Anschließend wurden mit höchster Genauigkeit Winkel und Strecken gemessen.



Die Ziele waren Kirchtürme, rot-weiße Signalstangen, spezielle, bis zu 40 m hohe Signalmasten und Stahlvermessungstürme oder über 60 m hohe Sendemasten, um auch über Wälder hinweg messen zu können.



In Oberbayern war die Vermessungsabteilung Koch in den Alpen unterwegs. Schwere Granitsteine, lange Signalstangen für Dreiböcke und Messgeräte mussten auf Berggipfel geschleppt werden, z.B. auf den 2.600 m hohen Schafalpenkopf. Regen, Berggewitter und Schneefall verzögerten die Messungen, dafür wurde bei guter Sicht bis weit in die Nacht hinein gearbeitet. Bei aller Härte der Arbeit fand man sich in der dienstfreien Zeit auch zur gemeinsamen Stubenmusi zusammen.

Im Winter berechnete Günther Koch anhand seiner gesammelten Messergebnisse die Landeskoordinaten und Meereshöhen der Trigonometrischen Punkte (TP) auf cm genau. Sie sind Grundlage für alle Arten von Folgevermessungen, angefangen von der Grundstücksteilung bis zum Autobahn-, Brücken- und Tunnelbau. Darüber hinaus hielt er im Winter Unterrichte für alle Laufbahnen vom Lehrling bis zum Referendar und organisierte Ausstellungen, z.B. in Dachau am Josef-Effner-Gymnasium.

Am Ende seiner Außendienstzeit erkannte der Referent, dass die klassische Landesvermessung keine Zukunft haben konnte, weil das militärische, von Satelliten gesteuerte globale Positionierungssystem (GPS) diese Aufgabe schneller und genauer erfüllt. Heute funktionieren alle „Navis“ im Auto nach diesem Prinzip.

Von 1982 bis 1994 wurde das Dienstgebäude des Landesvermessungsamts modernisiert. Dabei war Günther Koch einige Jahre Ansprechpartner für die Architekten des Landbauamts in allen Fachfragen.

1985 wurde Koch eine neue große Aufgabe mit Zukunft übertragen, er wurde Referatsleiter für die Topographische Kartographie Bayerns.

Damals zeichneten 60 hochqualifizierte Kartographen noch mühsam von Hand mit Gravursticheln und Farbstiften ca. 800 verschiedene amtliche Landkarten für ganz Bayern. Jede einzelne Karte durchlief einen jahrelangen Herstellungsprozess, bis Koch sie als druckreif freigeben konnte. Bei dauernd gebeugter Körperhaltung klagten viele Kartographen über Augen- und Rückenschmerzen. Doch bald schon wurden alle mit den großen Herausforderungen des digitalen Zeitalters konfrontiert.



Als ihr Chef musste Koch seine Mitarbeiter dazu motivieren und anleiten, eine ganz neue Technik zu erlernen und anzuwenden: das Zeichnen mit der Maus am Bildschirm. Zug um Zug wurden die Arbeiten von Hand zurückgefahren und die automationsgestützten Verfahren eingeführt. Die Kartographen erlebten einen enormen Effizienzgewinn, weil sie die Karten mit gleicher Präzision, aber in viel kürzerer Zeit fertigstellen konnten. Nach 20 Jahren schwierigster Umbruchszeit durfte Koch beim Eintritt in den Ruhestand erleben, wie alle Kartographen mit Freude an ihren Bildschirmen arbeiteten.

In seiner ganzen Dienstzeit beschäftigte sich Koch auch mit der historischen Landesvermessung und Kartographie. Deshalb hielt er auch einen geschichtlichen Rückblick mit besonderem Bezug zu Dachau.

Vor 200 Jahren brauchte Napoleon neue militärische Karten von Bayern. Er ließ als Grundstein einer ersten exakten amtlichen Vermessung eine 21 km lange Basis östlich von München ausmessen, bei der auch die Kirche St. Jakob in Dachau mit einbezogen wurde.

Vor 300 Jahren zog der Kupferstecher Michael Wening durch Bayern und zeichnete neben zahlreichen Stadtansichten, Schlössern und Klöstern auch das damals noch vierflügelige Schloss Dachau.

Vor 450 Jahren bereiste der geniale Philipp Apian von der Universität Ingolstadt in nur 7 Sommern ganz Bayern, um das Land zu vermessen. Er war dabei nur mit seinem Bruder Timotheus, einem weiteren Gehilfen und 3 Pferden unterwegs. Er zeichnete eigenhändig auf Papierrollen Städte, Klöster, Märkte, Dörfer, Flüsse mit Brücken, Wälder, Hügel, Berge usw. ein. 1563 fertigte ein Maler aus diesen Skizzen ein 6x6 Meter großes Monumentalgemälde für die Bibliothek von Herzog Albrecht V. in München. Einige Jahre später ließ Apian seine Handzeichnungen in 24 Holzstöcke schneiden und gab sie in Ingolstadt als Bayerische Landtafeln gedruckt heraus.



Die Kopie einer Montage dieser 24 Karten hatte Koch aufgehängt. Der Betrachter konnte darauf sehen, welche Orte und Bachläufe um Dachau herum eingetragen waren. Auch Haslangkreit mit seinem Schloss war eingezeichnet. Der Ausflug der Senioren im Sommer 2013 ging u.a. auch dorthin, und an den idyllischen Biergarten unter schattigen Kastanienbäumen im Landkreis Aichach-Friedberg konnten sich viele Zuhörer erinnern.

Die Leistung von Philipp Apian kann man nach Meinung des Referenten nicht hoch genug einschätzen. Deshalb steht heute auch auf Kochs Initiative hin vor dem Eingang des Landesvermessungsamts ein Denkmal für Philipp Apian (1531-1589), den Pionier der Bayerischen Landesvermessung und den Begründer der Bayerischen Kartographie.

Ursula Koch