Geheimnisvolle Wesen. Die Engel

Ursula Koch am 13. Januar 2016



Rund 50 Besucher erlebten einen besinnlichen Nachmittag bei der ersten Veranstaltung im neuen Jahr. Das Thema „Engel“ ist zeitlos und fasziniert wegen seiner vielschichtigen Aspekte. Als Einstimmung erklang vor Beginn des Vortrages klassische Harfenmusik zu der Abbildung eines Engels mit diesem „Himmelsinstrument“. Zwischen den einzelnen Abschnitten konnte das Publikum weitere Musikstücke hören und dabei wiederum Engelsdarstellungen betrachten.
 

Die Referentin Ursula Koch hielt zunächst Rückschau auf den Weihnachtsfestkreis: Die berühmte romanische Holzdecke der Kirche St. Martin in Zillis in der Schweiz erzählt u.a. die Weihnachtsgeschichte. Eindrucksvoll sind darin die Engel gemalt. Sie greifen als Boten Gottes in das Leben von Maria und Josef ein. Vier Winde bauschen das Gewand des himmlischen Gesandten und tragen ihn fort, damit die Weihnachtsbotschaft überall verbreitet wird. Fünf Strahlen aus zwei ausgestreckten Fingern des Engels bedeuten, dass Maria ein Angebot Gottes bekommt. Ein mächtiger Engel weist Josef an, Maria zu sich zu nehmen, nach der Geburt des Kindes zu fliehen und später zurückzukehren. Engel klären die Hirten und Sterndeuter auf, was zu tun sei.

Holzdecke von Zillis um 1150


Unsere christlichen Engel haben antike Vorbilder. Bei vielen Völkern gab es schon immer die Vorstellung, dass Mittlerwesen vom Himmel zur Erde niedersteigen und wieder aufsteigen. Sie teilen den Menschen die Botschaft der Gottheiten mit und bringen die Anliegen und Fürbitten zurück.

     

 Assyrischer Kerub, 750 v. Chr.

 Hermes, 5. Jh. v. Chr.

 Nike von Samothrake 300 v.Chr.


In der assyrisch-babylonischen Kultur gab es ein viergestaltiges Mischwesen, das als Wächter den Menschen Segen und Schutz bot. Der Kerub besaß einen Löwenleib, Stierbeine, Adlerflügel und ein Menschengesicht mit einer Hörnertiara. Diese Darstellung findet sich später in den jüdisch-christlichen Vorstellungen von Engeln wieder. Hermes mit Flügelhut und geflügelten Stiefeln ist der bekannteste Götterbote in der antiken griechischen Welt. Er handelt im Auftrag der Götter schnell, überall und unerwartet. Er beschützt, weist und leitet die Menschen zum Guten. Er führt die Seelen zur Unterwelt und wieder zur Oberwelt. Die berühmte Skulptur der Siegesbotin Nike mit dem schwungvoll gefältelten Gewand und mit den ausladenden Flügeln beeinflusste die Gestaltung der Engel im christlichen Abendland.

Die Bibel, die als „Engelbuch“ bezeichnet werden kann, sagt nichts über die Erschaffung der Engel. Aber die Engel sind meist zugegen, wenn Gott sich den Menschen offenbart. Die jüdischen Seher beschreiben die Aufgaben der Engel im Himmel und auf der Erde. Im Himmel versehen sie den liturgischen Dienst im Thronsaal Gottes. Auf der Erde behüten sie die Menschen als Schutzengel. Sie übermitteln die Botschaft des einen Gottes. Sie bringen die Anliegen der Menschen vor Gott.

Schutzengelgruppe
Ignaz Günther, 1763

Weißer Engel, Giotto di Bondone,
Florenz, um 1310

Roter Verkündigungsengel,
Frau Angelico, 1430


Engel sind strahlende Lichtwesen, weil sie von der Lichtherrlichkeit Gottes durchstrahlt sind. In den frühesten christlichen Darstellungen wurden Kopf, Arme und Füße in den Mosaiken mit roten Steinchen geformt. Damit meinte man Geistwesen mit einem feurigen Ätherleib. Der feurige Äther, der Gott umgibt, formt diesen „Stoff“, da die Engel ganz nahe bei Gott sind.

Im frühen Mittelalter erscheinen die Engel weiß gekleidet. Die Boten Gottes haben Anteil am Lichte Gottes und tragen ein weißes Lichtgewand. Rot gekleidete Engel symbolisieren Liebe, Feuer, Frühling, Sommer und reifende Früchte. Blau ist die Himmelsfarbe. Es drückt die Ferne, die Erhabenheit und das Wissen Gottes aus. Ein blau gewandeter Engel vermittelt die Weisheit Gottes. Grün ist die Paradiesfarbe. Ein Engel im grünen Kleid ist der Bote der Hoffnung auf Auferstehung und ewiges Leben.

Nach Auffassung der Kirchenväter gibt es im Himmel eine Rangordnung der Engel. Um das Jahr 500 n.Chr. lieferte Dionysius Areopagita davon eine genaue Beschreibung. Er gliederte das Heer der Engel in neun Chöre, diese wiederum in drei Gruppen mit drei Chören. Die ranghöchsten Engel sind die Seraphim, Cherubim und Throne. Sie sind Gott am nächsten. Den mittleren Rang nehmen die Herrschaften, Mächte und Gewalten ein. Die rangniedrigste Gruppe bilden die Fürstentümer, Erzengel und Engel. Sie sind dem Menschen am nächsten.

Engelhierarchie, Baptisterium in Florenz, um 1250

Cherub und Seraph,Kathedrale von Agnani, 13. Jh. 

 

Die roten Seraphim sind die Feuerglühenden, weil sie in der Liebe Gottes brennen. Meist werden sie mit sechs Flügeln dargestellt. Sie schwingen das Weihrauchfass und preisen Gott.
Die blauen Cherubim sind mit der vertieften Erkenntnis Gottes ausgestattet. In frühen Darstellungen haben sie sechs Flügel mit Augen, denn sie sind wachsam und schützen den Garten Eden. Die Cherubim sind dynamisch und bewegen mit den Feuerrädern unter ihren Füßen den Thron Gottes. Der Seher Ezechiel sah sie als Mischwesen mit dem Kopf vom Menschen, dem Leib vom Löwen, den Beinen vom Stier und den Flügeln vom Adler. Er drückte damit aus, dass Gott sich so dem Menschen mitteilt. Der Kirchenvater Irenäus bezog diese Merkmale auf die Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Denn in den Evangelien spricht Gott zu uns Menschen.

Am Ende ihrer Ausführungen wünschte die Referentin den andächtig lauschenden Zuhörern mit dem Psalm 90,4, dass ihr Schutzengel sie im neuen Jahr behüten möge. Sie deutete noch an, dass es zum Thema „Engel“ noch viel Interessantes zu erzählen gegeben hätte.

Ursula Koch