4. Orgelkonzert an der Kaps-Orgel: Peter Kofler, München

 
Mal ehrlich… Hätten Sie aus Ihrer Schulzeit noch gewusst, was genau die Musiker unter einer „Passacaille“ verstehen? —  Nein? Ich auch nicht.

Und ausgerechnet eine Passacaille (Passacaglia) hat Peter Kofler in den Mittelpunkt seines Orgelkonzerts am 30.01.2016 gestellt. Höhepunkt dieses 4. Konzerts an der neuen Kaps-Orgel war nämlich die Cembalo-Suite Nr. 7 in g-Moll (aus dem Jahr 1720, HWV 432) von Georg Friedrich Händel. Am populärsten darin ist deren 6. Satz, die Passacaille eben, die aus einer Aneinanderreihung von 15 Variationen über ein nur vier Takte kurzes Bassmotiv besteht. Für dieses beliebte Cembaloœuvre gibt es mittlerweile unzählige Bearbeitungen, z.B. natürlich für Klavier, aber auch für Streicher, für Harfe, für zwei Gitarren – und nun auch eine von Peter Kofler selber für die Orgel.
 
Seinen „Ouverture“-Satz gestaltete Kofler an der Kaps-Orgel majestätisch-abgehoben. Das „Andante“ legte er unerschütterlich dynamisch an. Das „Allegro“ gelang munter und quicklebendig. Die „Sarabande“ führte er pianissimo aus, extrem verhalten, fast ersterbend und voller Schwermut. Und schließlich im „Passacaille“-Satz brillierte er virtuos, atemberaubend fingerflink, lustvoll.
  
Das Konzert hatte mit einer kraftvollen Darbietung von Dietrich Buxtehudes „Magnificat primi toni“ begonnen. Dem folgte die Aria „Schafe können sicher weiden“ aus der Bach-Kantate BWV 208, die mit tänzelnder, einschmeichelnder Leichtigkeit vorgetragen wurde. Nach der Händel-Suite bot Kofler drei Präludien des Südtirolers Joseph Alois Ladurner: hingebungsvoll-schmalzig-erhaben das erste, beschwingt-vergnügt das zweite und lärmend und aufgekratzt das letzte. In den Kompositionen von Mendelssohn Bartholdy und Vierne demonstrierte Peter Kofler die volle Bandbreite der Trümpfe, die in der Kaps-Orgel stecken. Elegische, einfühlsame, bedächtige Passagen wechselten mit polternden, aufbrausenden, furiosen. Mit diesen Glanzstücken schloss Peter Kofler sein Konzert mit geradezu übermenschlicher Intensität ab, dabei im Finale die Dissonanzen genussvoll herausstellend und grell das ‚forte-fortissimo‘ auskostend. - Ein überwältigendes Erlebnis. Begeisterter, herzlicher Applaus für den Künstler und für das Instrument.

Ach, ja! Und was heißt nun eigentlich Passacaille oder Pasacalle oder Passacaglia? Der spanische Ausdruck „pasar una calle“ lautet übersetzt „eine Straße entlanggehen“ und bezeichnet ursprünglich einen spanischen Volkstanz. Passacaglia-Kompositionen fanden in der Barockzeit auch im übrigen Europa großen Anklang. J.S.Bach, Johannes Brahms, Maurice Ravel, Dmitri Schostakowitsch, Anton Webern, Max Reger und viele andere schufen hernach solche charmanten Tanzstücke.




Der Organist und Cembalist Peter Kofler [* Bozen 1979] spielt unter namhaften Dirigenten wie Mariss Jansons und Riccardo Muti und u.a. mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Als Orgelsolist ist er bei Orgelkonzertreihen z.B. im Berliner Dom, der Berliner Philharmonie, im Wiener Stephansdom, in St. Michaelis / Hamburg oder der Dresdner Hofkirche zu hören. Seit 2008 ist Peter Kofler Organist an der Jesuitenkirche St. Michael in München. Dort ist er auch Initiator und Leiter des internationalen Festivals „Münchner Orgelherbst“.
   
Bericht: Dieter Reinke
Fotos: Erwin Kopf
 


Die Programmfolge

Diet(e)rich Buxtehude [1637-1707]
Magnificat primi toni • BuxWV 203

Johann Sebastian Bach [1685-1750]
Aria „Schafe können sicher weiden“ aus der Kantate BWV 208
Orgelbearbeitung : André Isoir

Georg Friedrich Händel [1685-1759]
Suite Nr. 7 in g-Moll   (Eingerichtet für Orgel von Peter Kofler)
• Ouverture • Andante • Allegro • Sarabande • Gigue • Passacaille

Joseph Alois Ladurner [1769-1851]
Drei Präludien

Felix Mendelssohn Bartholdy [1809-1847]
Variations sérieuses op. 54   (Orgelbearbeitung : Martin Schmeding)

Louis Vierne [1870-1937]
Carillon de Westminster