Das „Friedenszeichen“ der Muslime, der Christen und der Juden am 9. Mai 2016 vor dem Dachauer Rathaus

 
Anlässlich des Jahrestages des Kriegsendes 1945 und angesichts all der Meldungen von nah und fern über Konflikte, Krisen und Kriegshandlungen haben rund 150 Dachauer Bürger ganz unterschiedlicher Herkunft und Religionszugehörigkeit ihre Sorgen um den Frieden zum Ausdruck bringen wollen.
 
 
Das „Friedenszeichen“, das diese Dachauer Muslime, Christen und Juden am 9. Mai 2016 setzten, war ein vielversprechender Anfang! Das, was dort an- und ausgesprochen wurde, wird weiterwirken. Quasi als Leitmotiv hatten die Veranstalter ein Bild des KZ-Überlebenden Martin Kieselstein mit den Symbolen von Judentum, Christentum und Islam gewählt. Und sie luden vors Dachauer Rathaus ein, an den Ort in direkter Nachbarschaft zu den beiden Gebäuden, die für Martin Kieselstein eine denkwürdige Rolle spielten: den Zieglerbräu, wo er als KZ-Häftling Zwangsarbeit leisten musste, und das neue Rathaus, in dem er 60 Jahre danach als  Zeitzeuge  berichtete und von der Stadt geehrt wurde. Unter den zahlreichen Anwesenden waren viele prominente Dachauer, unter ihnen Landrat Stefan Löwl und Oberbürgermeister Florian Hartmann.

Wer Frieden stiften will, dem bietet sich die eine verbindende Gemeinsamkeit zwischen den ansonsten ganz unterschiedlichen Religionen an: das Beten – also das Anrufen einer Gottheit. Ließe sich durch solidarisches Beten, durch diese übereinstimmende Grundhaltung der Angehörigen der verschiedenen Religionen, durch diese einzigartige Form des Dialogs vielleicht ein friedfertigerer Umgangston in der Welt herbeiführen?

Beim „multireligiösen Beten“ sprechen oder singen die Angehörigen der verschiedenen Religionen jeweils für sich die aus ihrer eigenen Tradition heraus formulierten Gebete, während die übrigen Anwesenden „nur“ andächtig zugegen sind. Dabei muss niemand befürchten, dass aus gut gemeinter Rücksichtnahme auf andere Überzeugungen die eigenen Glaubensaussagen abgeschwächt oder relativiert werden könnten. Das gemeinschaftliche Beten kann die Teilnehmer dafür sensibilisieren, Berührungspunkte und Gegensätze offenzulegen, einander in der Andersartigkeit besser zu verstehen. Es kann aber durchaus auch den eigenen Glauben vertiefen. Das gemeinschaftliche Beten eröffnet einen ersten Einblick in die Frömmigkeit einer anderen Religion, und es bereitet Wege zur gegenseitigen Bereicherung und zur Förderung und Bewahrung der ethischen Werte und der kostbaren Ideale des Menschen.
 
Der Ablauf der Feierstunde an jenem 9. Mai 2016:

● Vor Beginn läuteten die Glocken der Kirchen im Landkreis Dachau. Das Glockenläuten endete mit dem Läuten der großen Glocke von St. Jakob, Dachau, um 19 Uhr.

● Das Bläserensemble „Kontra-Brass“ unter der Leitung von Christiane Höft, Evang. Friedenskirche Dachau, spielte „Echo-Fantasien“ von Ulrich Knörr (geb.1960).

● Begrüßung durch Anton Jais, den Vorsitzenden des Dachauer Forum (Foto oben rechts)













● Gedanken zu der Symbolgrafik von Martin Kieselstein durch Pfr. Dr. Björn Mensing, Evang. Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau (Foto oben links)

● Grußwort von Pfr. Wolfgang Borm, Kath. Dekan im Landkreis Dachau (Bild oben Mitte)

● „Haschkiven“, gesungenes jüdisches Abendgebet, Kantor Alexander Zakharenko, Jüdische Gemeinde Weiden (oben rechts)













● Erlebnisbericht „Rechtsextreme Übergriffe auf den Freiraum Dachau (oben links und Mitte)

● "AI-Baqara", gesungene Sure 2, Vers 284-286, lmam Siddik Tekingür, Türkisch-lslamischer Verein Dachau (DlTlB)  siehe Foto oben rechts

● Erlebnisbericht „Flucht 1945“ - Helmut Beilner (links) als Betroffener berichtete

● „Salve Regina“, Traditionelles Marienlob der röm.-kath. Kirche, gesungen von der Schola Hl. Kreuz

●Thema „Asyl heute“ - ein Flüchtling (rechts) berichtet von seinen Erlebnissen
 


● Gemeinsames Gebet mit fünf multireligiösen Friedensbitten
   
    ♦ PR Ludwig Schmidinger, Katholische Gedenkstätten-Seelsorge
    ♦ Muslimische Vertreterin, Nilüfer Denel, Jugendleiterin DITIB
    ♦ Evangelische Vertreterin, Pfarrerin Ulrike Markert, Gnadenkirche
    ♦ Jüdischer Vertreter, Kantor Alexander Zakharenko
    ♦ Griechisch-Orthodoxe Vertreterin Chrissi Tsigas-Vichos (Foto rechts)
 

 
● Abschluss und Einladung zum Gang in den Gebetsraum DITIB Dachau durch Mustafa Denel, Vorsitzender DITIB Dachau



● „Festliche lntrade“ von Thomas Riegler (geb.1965) mit dem Bläserensemble ,,Kontra-Brass" (Evang. Friedenskirche Dachau)
 


Ausschnitte aus dem gemeinsamen Friedensgebet vor dem Rathaus
 
Gott, der Du die Welt erschaffen
und alle Menschen ins Leben gerufen hast:
Ratlos und ohnmächtig stehen wir vor Dir
angesichts der Gewalt um uns und in uns…
Sende Deinen Geist in die Herzen all derer
die sich verfangen haben in den Netzen
von Egoismus und Ausbeutung,
von Hass und Gewalt.
Und lass uns nie die Suche aufgeben
nach dem Gespräch mit ihnen.
Uns selbst wandle in der Tiefe unseres Herzens,
dass es offen werde
für die Not und die Sehnsucht all derer,
die in Frieden leben wollen.
Mach uns selbst zu Menschen,
durch die Dein Friede in die Welt getragen wird.

(Ludwig Schmidinger, Römisch-Katholischer Christ)
 
 
Herr, der Du barmherzig und allmächtig bist,
zu Dir kommen wir, und wir bitten.
Wir bitten für uns,
wir bitten für alle Menschen,
wir bitten für Deine Schöpfung,
wir bitten für diese Welt.
Wir bitten um den Frieden,
den die Welt und die Menschen
aus sich allein nicht finden kann.
Wir bitten um Gerechtigkeit,
in der niemand ausgegrenzt und benachteiligt wird.

(Nilüfer Denel, Muslima)
 


Gib mir die Gabe der Tränen, Gott,
gib mir die Gabe der Sprache!
Wasch meine enge und fremdenfeindliche Erziehung ab,
befreie mich von meinen Vorurteilen.
Reinige mich vom Verschweigen,
gib mir die Worte, das Unrecht beim Namen zu nennen,
erinnere mich an die Tränen der Kinder und ihrer Eltern,
die in Verfolgung und unter Gewalt leben müssen.

(Ulrike Markert, Evangelische Christin)
 
Gott, Du Quelle des Friedens,
sei mit denen, die die Geschicke der Welt lenken,
damit Stolz und Prahlerei ein Ende nehmen
und die Herrschaft der Arroganz
aus unserer Zeit verschwindet.
Gib ihnen den Mut, die Wahrheit zu sagen,
und die Demut, anderen zuhören zu können.
Hilf uns allen,
dass uns das Wohl unserer Mitmenschen wichtiger ist
als unsere eigenen ehrgeizigen Ziele.
Hilf jedem und jeder von uns,
den eigenen Beitrag zur Verständigung
und das eigene Opfer für den Frieden zu geben,
damit wir in Frieden mit uns selbst
und in Frieden mit unseren Mitmenschen leben.

(Alexander Zakharenko, Jude)
 
Wir danken dir, liebender Gott,
für das Geschenk des Lebens,
für diese wunderbare Welt, die wir alle miteinander teilen,
für die Freude der Liebe und Freundschaft.
Stärke meine und unsere Entschlossenheit,
für eine Welt des Friedens und der Gerechtigkeit zu arbeiten.
Stärke meine und unsere Verpflichtung,
gewaltfreie Wege zu finden, um Konflikte zu lösen –
persönliche, lokale, nationale und internationale.
Stärke meine und unsere Bemühungen,
Verletzungen zu vergeben
und jene zu lieben, die ich schwer zu lieben finde.

(Chrissi Tsigas-Vichos, Griechisch-Orthodoxe Christin)
 
Die vollständigen Texte mit den Quellenangaben: siehe  Homepage der Gedenkstättenseelsorge
 

 
Ab 20.15 Uhr:
Abschluss im Gebetsraum der Türkisch-lslamischen Gemeinde (Foto links: Mustafa Denel, Vorsitzender DITIB Dachau):

● Begrüßung durch lmam Siddik Tekingür, Türkisch-lslamische Gemeinde
● „Al-Hasch“, Sure 59, Vers 18-24
● „Shalom Rav“, gesungenes jüdisches Gebet, Kantor Alexander Zakharenko
● „Dona nobis pacem“ - Christen singen gemeinsam

Anschließendes gemütliches Ausklingen bei einem kleinen lmbiss.
 
 
Das eingangs Gesagte darf hier zum Schluss noch einmal wiederholt werden: Das „Friedenszeichen“, das Dachauer Muslime, Christen und Juden am 9. Mai 2016 setzten, war ein vielversprechender Anfang! Was sich dort angebahnt hat und was dort ausgesprochen wurde, wird weiterwirken. „Beten verändert nicht die Welt. Aber beten verändert die Menschen, und Menschen verändern die Welt.“ (Albert Schweitzer)

D.R. 
 


Links zu Einträgen um ungefähr dasselbe Thema auf unserer Homepage:

Gebete der Religionen
Interreligiöses Beten für den Frieden?
Wie leben Muslime in Dachau?
Religionen im Dialog