Eine Welt, die es so nicht mehr gibt

Lesung von Hans Niedermayer am Mittwoch, 1. Juni 2016


Die Welt, die Hans Niedermayer als kleiner Junge erlebte, war den meisten der vielen Zuhörer vertraut. Das konnte man am Kopfnicken oder am beifälligen Murmeln ausmachen.
Der Referent las aus seinem Buch, in dem er seine Kindheit und Schulzeit beschreibt. Immer wieder unterbrach er seine Lesung und erzählte Episoden so anschaulich, dass man schmunzeln musste oder sehr nachdenklich wurde.

 


„Arm kamen wir uns nicht vor“, meinte Hans Niedermayer bei seinem Rückblick. „Aber aus heutiger Sicht war mein Vaterhaus armselig“. Die Familie Niedermayer lebte in dem Dorf Eittling bei Erding in einem kleinen Haus. Der Vater war Dorfschneider, die Mutter nähte und führte eine kleine Krämerei. Mit seinen zwei Brüdern schlief der kleine Hans bei seinen Eltern im winzigen, eiskalten Schlafzimmer. Ein Bad mit Dusche oder warmes Wasser gab es nicht. Der hellste Raum war die Wohnstube, sie war zugleich Küche und Schneiderwerkstatt.
Dort hielt sich der Bub auf, lauschte den Neuigkeiten der Kundschaft, und er half dem Vater beim Auftrennen getragener Kleidung. In der Nachkriegszeit waren das graugrüne Wehrmachtsuniformen, die der Vater zu Trachtenanzügen umarbeitete. Bei der aktuellen Flüchtlingssituation denke er ungern an die Nachkriegszeit, meinte der Referent sehr ernst. Als „Evakuierte“, z.B. Ungarndeutsche, und „Ausgewiesene“, das waren Sudetendeutsche, in Eittling eintrafen, lehnte die Bevölkerung sie ab. Denn diese Leute aus dem Osten wurden in die kleinen, engen Dorfhäuser einquartiert. Die Kinder übernahmen die Abneigung der Eltern und beschlossen: „Wir spucken sie ab.“ Ein anderes Ereignis hat sich dem kleinen Jungen eingeprägt, das in der Nazizeit das Dorf in helle Aufregung versetzte: Ein Bauernsohn bekam das Ritterkreuz wegen besonderer Tapferkeit verliehen. Worin die Leistung des Ehrenkreuzträgers bestand, wusste allerdings niemand.

Als „Pfarrerlehrbub“ besuchte Hans Niedermayer vier kirchliche Seminare und wohnte in den Internaten. Die „Berufung“ hatte eine Schwester seiner Mutter initiiert, eine Nonne, die im Säuglingsheim des Solanusordens in Landshut als Krankenschwester arbeitete. Sie schwärmte von den Franziskanerbuben, die auf dem Spielplatz des Klosters Fußball spielten. Das wäre doch auch etwas für den Hans, er könnte dann ein Franziskaner werden. Eine Vorstellung, was denn ein Franziskaner sei, hatte Hans natürlich nicht. Freilich, für das Dorf wäre eine Primiz ein großes Ereignis gewesen, dachte der Erwachsene später. So erschien eines Tages Pater Gangolf nach Rücksprache mit dem Dorfpfarrer und dem Lehrer bei den Eltern Niedermayer und warb für einen Eintritt in das Seminar der Franziskaner. Er beruhigte die Eltern auch wegen der anfallenden Kosten. Nach vielen Fragen stimmten die Eltern und auch der Sohn dem künftigen Bildungsweg und der Unterbringung in einem Internat zu. Zunächst aber stand ein halbes Vorbereitungsjahr im Kloster und Seminar der Franziskaner in Freystadt/Oberpfalz an, weil die Gebäude in Landshut noch Kriegsschäden aufwiesen. Der Abschied von den Eltern war schwer, und noch schwerer wog, dass der Bub Angst hatte vor dem Unbekannten, das auf ihn zukam.

Mit der Strenge und Härte der Ausbildung in kirchlichen Seminaren wurde der 11-Jährige gleich zu Anfang konfrontiert. Weil die Verkehrsverbindungen noch nicht überall funktionierten, legte Pater Gangolf mit dem Jungen und einem anderen zukünftigen Seminaristen einen dreistündigen Marsch auf winterlichen Wegen nach Freystadt zurück. Der schwere Rucksack mit den Habseligkeiten drückte auf die Schultern des kleinen Hans, aber er musste ihn alleine tragen.
Im Seminar herrschte ein streng regulierter Tagesablauf. Und genau so erlebte ihn der Junge später in dem kirchlichen Seminar in Landshut und Freising, anschließend dort im staatlichen humanistischen Domgymnasium bis zum Abitur und an der theologischen Hochschule in Freising.
Ein Wochentag verlief so: Aufstehen um halb sechs, Körperpflege und Anziehen in 20 Minuten, Frühsport, Hl. Messe, Frühstück, Unterricht. Nach dem Mittagessen Studierzeit im Studiersaal bei absoluter Stille, dann Freizeit, wobei die Schüler das Seminargelände nicht verlassen durften, Abendessen, Silentium im Schlafsaal bis zum Wecken in der Früh.

Statt Baden im warmen Wasser wurden die Jungen kalt abgespritzt. Denn Abhärtung musste sein. Einmal im Monat wurden die Haare auf Zündholzlänge gestutzt. Als besonders schlimm empfanden die älteren Jungen, dass ihre Briefe geöffnet wurden.
Es gab natürlich Ausflüge und Wanderungen, aber unter strenger Aufsicht. Da mussten die Jungen in Zweierreihen gehen. Das veranlasste einen Betrachter zu der abschätzigen Meinung: „Dös sind lauter Deppn, die wolln Pfarrer wern.“
Nach Hause kamen die Jungen nur in den Ferien. Da lief der Hans in drei Stunden von Freising nach Erding. Auf das Wiedersehen mit den Eltern und Geschwistern freute er sich immer, aber als Gymnasiast kam er sich im Dorf schon ein bisschen fremd vor.
Die Ausbildung an den Schulen und der Aufenthalt in den Internaten waren ganz auf einen geistlichen Beruf ausgerichtet. In der Oberstufe bekamen die Jungen eine Tonsur geschoren und ein Ordenskleid zum Anziehen. Jeglicher Kontakt mit Mädchen war untersagt und wurde auch verhindert. Wagten die Seminaristen heimliche Ausflüge, und die Schulleitung erfuhr davon, so drohte der Hinauswurf aus Schule und Internat.

 


Hans Niedermayer war aber entschlossen, aus dieser streng regulierten Welt auszusteigen. Er wollte kein Pfarrer oder Ordensmann werden. Er verfügte nicht über die erforderliche Körpergröße, um am Altar zelebrieren zu können. Auf einen Schemel wollte er nicht steigen, um sich nicht dem Gespött der Leute auszuliefern. Trotz der Widerstände an der theologischen Hochschule setzte er seinen Willen durch und entschied sich für ein philologisches Studium, um Lehrer an einem Gymnasium zu werden.
Sein Rückblick falle aber positiv aus, stellte er fest. „Ich habe die Sekundartugenden wie Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Disziplin gelernt. Alle meine Schulkameraden übernahmen Verantwortung. Nicht wenige wurden Kommunalpolitiker, Bürgermeister, Landräte und sogar Minister.“

Ursula Koch