Schönheit im Alten Testament

Dr. Thomas Kellner am 7. November 2017

 
„Wann ist für Sie ein Mensch schön?“ Mit dieser Frage weckte Dr. Thomas Kellner sofort das Interesse der zahlreichen Besucher für seinen anschließenden Vortrag. Zunächst ergab sich eine lebhafte Diskussion darüber, ob die in den Medien und in der Werbung vermarkteten weiblichen und männlichen Stars und Models schön sind. Das Resümee war: Schönheit wird subjektiv empfunden. Einhellig wurde konstatiert, dass schöne Menschen ein angenehmes Äußeres haben. Sie gefallen und sind sympathisch.



Beim Foto einer Damenhandtasche stimmten alle Zuhörer der Behauptung zu, dass ihr Inhalt viel mit der Pflege der Schönheit zu tun habe. Wollen nur Frauen schön sein? Nein, auch Männer möchten heutzutage gut und gepflegt aussehen.
Ein Tattoo auf dem Körper sagt aus, dass Schönheit sogar unter die Haut gehe. Es habe mit dem Selbstwert zu tun. Es deute auf eine, vielleicht auch schmerzhafte, Vorgeschichte, und es bleibe dauerhaft. Schönheit werde also vom Innenleben beeinflusst.
Doch als schön empfinden wir Menschen auch bestimmte Blumen und Tiere.

Kann Schönheit etwa wissenschaftlich definiert werden? Dr. Kellner erläuterte den „Goldenen Schnitt“, den Leonardo da Vinci bei seinen Darstellungen des menschlichen Körpers angewendet habe. Eine solche Konstruktion war auf das berühmte Gemälde der „Mona Lisa“ gelegt. Das Ergebnis ist: Die Proportionen des gemalten Körpers sind stimmig.
Nun kam der Referent zu seinem eigentlichen Thema. Er präsentierte einen uralten Text, der zwischen dem 6. und 8. Jahrhundert v. Chr. entstanden ist: „Das Hohelied“. Dieses wird den Weisheitstexten des Königs Salomon zugeordnet. Es ist ein weltliches Liebesgedicht und wurde trotz seines erotischen Inhalts in die Bücher des Alten Testaments eingefügt.
Dr. Kellner rezitierte einen Teil des Textes, das Kapitel 4,1- 4,7. Die Zuhörer konnten mitlesen und staunen, wie der Körper der besungenen Geliebten mit Tieren und Pflanzen verglichen wird. Einige
Beispiele seien zitiert:

„Schön bist du, meine Freundin, / ja du bist schön.
Hinter dem Schleier / deine Augen wie Tauben.
Dein Haar gleicht einer Herde von Ziegen, / die herabzieht von Gileads Bergen.
Deine Zähne sind wie eine Herde / frisch geschorener Schafe, / die aus der Schwemme steigen.
Dem Riss eines Granatapfels gleicht deine Schläfe / hinter dem Schleier.“

Diese für unsere Zeit ungewöhnlichen Aussagen bedürfen einer Interpretation. Sinngemäß führte Dr. Kellner folgendermaßen aus: Das Hohelied ist ein poetischer Text. Poesie benutzt sprachliche Bilder, die über die Alltagssprache hinausgehen. Mit Metaphern beschreibt der Dichter die geliebte Braut und seine Liebe zu ihr. Um die Schönheit seiner Freundin zu schildern, vergleicht er diese mit der Schönheit von Tieren und Pflanzen seiner Heimat. Unsagbares wird dadurch sagbar. Nun erläuterte Dr. Kellner nochmals Zeile für Zeile des Textes und machte diesen durch entsprechende Fotos noch besser verständlich.



Zur Abrundung des Vortrags brachte er noch die Motette „Meine Schwester, liebe Braut“ von Melchior Franck zu Gehör. Man konnte dabei den köstlichen Text des Hohelieds und des Vortrages überdenken.
Die Zuhörer unterhielten sich danach noch eine Zeit sehr rege. Viele waren der Meinung, dass es von der pastoralen Seite her mutig war, sich auf ein Liebesgedicht einzulassen.

Ursula Koch