Schuhgeschichten

Von Schuhen und anderen Lebensbegleitern
Adelheid Widmann am 07. November 2018

Dieser Nachmittag ging zu Herzen. Frau Adelheid Widmann, Theologin und Leiterin der Abteilung Seniorenpastoral der Erzdiözese München-Freising, gelang es mit wohlüberlegten Impulsen, ihre Zuhörer*innen zum Erzählen zu bringen. Sie hatte viele Abbildungen mit den verschiedensten Schuhen für unterschiedliche Gelegenheiten ausgelegt. Wer von den Besuchern aufstand und die Fotos betrachtete, unterhielt sich gleich mit anderen darüber. Ein Bild nahm man mit an seinen Platz.


Mit einer eigenen, berührenden Kindheitsgeschichte motivierte die Referentin ihr Publikum an den Tischen, zu dem ausgewählten Bild zu sprechen und eigene Erinnerungen an Schuhe aus früherer Zeit miteinander auszutauschen. Viele erzählten, dass sie in ihrer Kindheit nur zwei Paar Schuhe besaßen, jeweils ein Paar für den Sommer und eins für den Winter. Auch wurden schadhafte Schuhe stets repariert und später an die jüngeren Geschwister weitergegeben. Welches Glück war es damals, wenn man ein Paar neue, schicke Schuhe geschenkt bekam! Wie stolz war jede junge Frau, als sie die ersten Schuhe mit hohen Pfennigabsätzen erstehen konnte. Eine Besucherin führte auch gleich vor, wie ihr es gelang, mit engem Bleistiftrock und Pumps in die Trambahn einzusteigen. Allgemeines Schmunzeln! Die Referentin ließ es aber nicht bei den Schuhgeschichten bewenden, sondern sie weitete ihr Thema aus, lenkte den Blick auf Ereignisse, die einen ein Leben lang begleiten. Sie meinte, das müssten nicht große Vorkommnisse sein, auch kurze Augenblicke könnten sich tief einprägen. Das kann ein freundliches „Guten Morgen“ eines sonst mürrischen Schaffners im Zug sein. Und schon würden sich die Gesichter der „Morgenmuffel“ aufhellen, und die Fahrgäste würden sich einen kurzen Moment erstaunt anschauen. An solche zufälligen Begebenheiten würde man sich immer erinnern.
„Gibt es Schuhgeschichten auch in der Bibel?“ Mit dieser Frage leitete Frau Widmann den geistlichen Teil des Nachmittags ein. Eine Zuhörerin konnte dies sofort mit „Ja“ beantworten und zitierte sinngemäß die zutreffende Stelle aus dem Alten Testament: „Mose sah einen brennenden Dornbusch, der aber nicht verbrannte. Als er näher ging, hörte er eine Stimme: Komm nicht näher heran! Leg deine Schuhe ab, denn der Boden, den du betrittst, ist heilig.“ Frau Widmann interpretierte diese Bibelstelle von der Begegnung Moses mit Gott folgendermaßen: Moses sollte mit bloßen, also nackten Füßen dastehen. Nackt sein vor Gott heiße, es komme nicht auf Ansehen und Rang an. Alle Menschen hätten vor Gott das gleiche Ansehen, die gleiche Würde. Nackt sein, heiße auch schutzlos sein. Aber vor Gott sei keiner schutzlos. Das wussten die Israeliten. Sie wussten, ihr Gott Jahwe begleitet sie immer.
Frau Widmann kam auch auf die Enzyklika Laudato si´ von Papst Franziskus zu sprechen. Zwei wesentliche Anliegen des Papstes in dem Schreiben könnten auch Lebensbegleiter sein, die Kultur der Achtsamkeit und die Kultur der Liebe. Man sollte trainieren, das wahrzunehmen, was im Alltag schön und gut sei. Und – Bausteine der Liebe seien schon ein gutes Wort oder auch „Danke“ sagen.
Zum Abschluss erzählte sie einen Traum an Hand des Bildes „Spuren im Sand“. Da haderte ein Mann mit Gott. Er sah neben seinen Fußabdrücken im Sand immer Fußabdrücke von Gott, der ihn begleitete. Aber als sein Leben schwer war, konnte er nur eine Spur im Sand sehen. „Wo warst du, als es mir schlecht ging?“ fragte der Mann. Und Gott antwortete: „Da habe ich dich getragen“.
Mit ihrem Wunsch, dass jeder sich von Gott im Leben begleitet fühlen möge, beendete die Theologin ihr pastorales Gespräch. Dazu passte dann auch der Refrain im Abschiedslied, das regelmäßig am Ende einer Veranstaltung des Seniorenkreises gesungen wird: „Bis wir uns hier wiedersehen, halte Gott dich fest in seiner Hand“.

Ursula Koch