Mythos Altötting

Erhard Karl am 9. Januar 2019



Warum besitzt Altötting diese außergewöhnliche Anziehungskraft?

Jedes Jahr kommen mehr als 1 Million Besucher dorthin, an Pfingsten finden sich 25.000 Wallfahrer ein, unter denen viel einen Fußmarsch bis zu 200 km zurückgelegt haben. Erhard Karl, ein Altötting-Experte, erläuterte in seinem wunderschön bebilderten Vortrag den Mythos und die Mystik dieses geheimnisvollen Ortes mit seinem Kapellplatz, einem der schönsten Plätze Deutschlands.

       


Geschichtlicher Rückblick
Die bayrischen Herrscher der Agilolfinger hatten dort einen Verwaltungssitz, der am Schnittpunkt alter Handelswege lag. Um 700 wurde hier auf einer alten Kultstätte der Kelten und Römer eine achteckige Taufkapelle errichtet. Diese sollte die Ausbreitung des Christentums fördern. Die Karolinger, Karl der Große und insbesondere sein Urenkel Karlmann, bauten die Verwaltungsstelle zu ihrer Lieblingspfalz aus. Geomantische Untersuchungen ergaben, dass der Platz unter der Kapelle ein Ort ist, an dem besondere Kräfte wirken. Der Referent meinte, es sei der magischste Ort Deutschlands. Die Kapelle ist der Muttergottes geweiht. Die Marienfigur in der Gnadenkapelle, eine französische Arbeit um 1300, ist barock eingekleidet. Sie wurde in Silber gefasst; weil das Silber aber allmählich oxydierte, sieht ihr Gesicht heute schwarz aus. Die Schwarze Madonna mit dem Jesuskind und seinem schillernden Gesicht wirkt mystisch in dem mit Gold und Silber ausgestatteten Andachtsraum. Der Baumeister der Kapelle hat ein besonderes Lichtereignis eingeplant: Zweimal im Jahr, am Hochfest der Empfängnis Mariens, dem 25. März, und an Maria Geburt, am 8. September, steht die Sonne so, dass Licht auf das Jesuskind fällt.

      

1489 gibt es die ersten zwei Berichte über Wunderheilungen von Kindern, nachdem ein Gelübde zu Maria abgelegt worden war. Mirakeltafeln erzählen heute noch davon. Die Wallfahrt nach Altötting setzte ein, und ein Anbau an das Oktogon wurde notwendig. Das spätgotische Langhaus und der überdachte Rundgang wurden errichtet. Es bürgerte sich ein, dass man vor dem Gebet in der Kapelle erst dreimal die Anlage umrundet, damit die Seele nach der langen Wallfahrt nachkomme.

Warum entwickelte sich die Wallfahrt so rasant?
Sie besteht seit 530 Jahren trotz Reformation und Aufklärung aus diesen Gründen:
1. Die Wittelsbacher Herzöge und Kurfürsten, später die Könige schätzten und verehrten die Wallfahrtstätte. In Kriegszeiten flehten sie Maria zum Schutz an, sie erwählten Maria zur Patronin Bayerns. Das einfache Volk übernahm die Verehrung Mariens.
2. Der Buchdruck war erfunden worden. Der Ruf Altöttings als Wunderort verbreitete sich, die Menschen lernten Schreiben und Lesen.
3. Altötting als geistlicher Ort wurde literarisches Thema.
4. In Altötting konnte man an fast allen Tagen rund um die Uhr beichten und so den vollkommenen Ablass erwirken.
5. Päpste förderten die überregionale Bedeutung durch persönliche Gaben.

Wer und was sind in Altötting prominent?

Das goldene Rössl
Die französische Königin Isabeau, eine bayrische Prinzessin, schenkte ihrem Gemahl König Karl IV. beim Neujahrsempfang 1404 die kostbare Goldschmiedearbeit „Maria in der Laube“. Eingearbeitet ist ein Diener, der ein Pferd hält. Dieses Motiv gab der Pretiose den Namen. Das einzigartige Kunstwerk kam nach Altötting in die Kapellenstiftung. Die Wittelsbacher liehen sich aus der Stiftung immer Geld, und das „goldene Rössl“ blieb dort als Pfand.
Feldmarschall Tilly
Er kämpfte im Dreißigjährigen Krieg auf der Seite der katholischen Liga. Da er ein großer Marienverehrer war, wollte er nahe bei der Gottesmutter bestattet sein. Nach antikem Brauch gab es 1632 eine getrennte Bestattung: das Herz ruht in einer Urne in der Gnadenkapelle, der Körper ist in der Gruft in der Stiftskirche beigesetzt. Die Wittelsbacher Kurfürsten und Könige haben die getrennte Bestattung übernommen. Ihre Herzen werden in der Gnadenkapelle aufbewahrt.


      


Kurfürst Maximilian
Durch seine Wallfahrt bei Regierungsantritt vermehrte er den Ruhm Altöttings. Er führte das tägliche Beten des „Angelus“ ein. Auf ihn geht der Zweitvorname Maria zurück. Für Maria, die Patronin Bayerns, ließ er in München die Mariensäule errichten, die zum geographischen Mittelpunkt des damaligen Bayern wurde. Er begründete das Anbringen von Hausmadonnen, und er veranlasste die Herausgabe von Beichtzetteln an Ostern. In Altötting wurde mit dem österreichischen Kaiser gegen die türkische Invasion ein Pakt geschlossen, eine Allianz zwischen den Habsburgern und den Wittelsbachern. 1683 wurden die Türken mit Maria als Schutzheiliger auf den Bannern vor Wien besiegt. Der 12. September wurde Maria mit „Maria Namen“ gewidmet.

Silberne Jünglingsfigur („Silberprinz“)
Der 12-jährige kranke Thronfolger ist durch Maria gesundet. Die Wittelsbacher stifteten als Dank eine silberne Skulptur mit dem Gewicht des Buben.

Erhard Karl ging in seinem Vortrag noch kurz auf den bekannten Altöttinger Klosterpförtner Bruder Konrad und dessen fast skurrile Heiligsprechung ein.

Besonders berührend war diese Episode, die eine Zuhörerin am Ende der Veranstaltung erzählte: Herr Karl hatte ein Bild mit Prothesen von geheilten Wallfahrern gezeigt. Darunter hatte die Zuhörerin die Prothese ihres Enkels entdeckt. Dieser war als Dreijähriger noch auf dem Boden herumgerobbt, aber nach einer gemeinsamen Wallfahrt zur Muttergottes hatte er gehen können. Der Mythos Altötting war für das Publikum im Pfarrsaal St. Jakob konkret fassbar geworden.

Ursula Koch