Das Netzwerk des Paulus

Dr. Thomas Kellner am 3. April 2019


Die Briefe des Völkerapostels Paulus an die Gemeinden in Korinth, Thessalonich und Rom zeigen auf, wie sich das Christentum innerhalb kürzester Zeit nach Jesu Tod im Mittelmeerraum verbreitete. Pfarrvikar Dr. Thomas Kellner erläuterte in einem eindrucksvollen Vortrag, mit welchen Strategien es Paulus gelang, dass die neue Religion Fuß fassen konnte. Der Apostel knüpfte ein Netzwerk, das er wie ein Wirtschaftsunternehmen führte. Welche modernen Strategien er dabei anwandte, zeigte Dr. Kellner in seinem Referat auf. Grundlage ist seine Dissertation über dieses Thema. Und ihm gelang es fabelhaft, Kernpunkte seiner umfangreichen Arbeit in nur einer Stunde aufzuzeigen. 

Die Person Paulus

Saulus wurde um das Jahr 9 in Tarsus (südöstliche Türkei) geboren als Jude mit römischem Bürgerrecht, sein Beruf war Zeltmacher. Er sprach hebräisch, aramäisch und griechisch. Als Thoragelehrter war er Mitglied der pharisäischen Reformbewegung und deswegen Verfolger der Anhänger Jesu von Nazareth. Doch 31/32 n.Chr. bekehrte er sich. Als einziger Apostel kannte er Jesus nicht persönlich. 57 n.Chr. wurde er in Jerusalem gefangen genommen. Ca.60 n.Chr. starb er in Rom.

Der Verkündigungsauftrag Jesu
„Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen.“ (Mk 16,15)
Die heutige fromme spirituelle Sicht, dass die Apostel hinausgingen und überall predigten, ist zu wenig reflektiert. So einfach ging das nicht. Nur weil Paulus wie ein moderner Unternehmer agierte, konnte er seine missionarische Arbeit in riesigen Dimensionen bewerkstelligen.

Wie baute er sein Netzwerk auf?

1. Die Legitimation
Paulus musste für seine Vorhaben legitimiert sein. Dies wurde er durch seine Berufung durch Jesus. Als charismatische Persönlichkeit vereinigte er drei Rollen in sich: Priester, Lehrer, Beamter. Mit diesem Rollenmix war er zur Organisation befähigt. Diese bestand wie auch heute aus Ordnungen, Gesetzen, Anweisungen und Regeln. So konnte er die kleinen Gemeinden zusammenlegen und ihnen eine gemeinsame Struktur geben .Er musste als Seiteneinsteiger Konflikte lösen können. Auf Grund seines Theologiestudiums und eigener Erfahrung kam es z.B. zu einem Zerwürfnis mit Petrus. Denn Paulus lehnte die Forderung nach der Beschneidung von konvertierenden Heiden ab.

2. Aktives Marketing
Damit sein Unternehmen erfolgreich werden konnte, musste Paulus eine Marktlücke finden: Die neue Religion musste in dem Markt der damaligen Religionen attraktiv werden. Also ging er dorthin, wo Religionen gelebt wurden: in die Synagogen und auf den Markt. Er sprach auf dem Areopag zu den Athenern: „Nach allem, was ich sehe, seid ihr besonders fromme Menschen. Denn als ich umherging und mir eure Heiligtümer ansah, fand ich einen Altar mit der Aufschrift: EINEM UNBEKANNTEN GOTT. Was ihr verehrt, ohne es zu kennen, das verkündige ich euch.“ (Apg 17,22f) Der heutigen Kirche stelle sich auch die Frage nach der Marktlücke für Gott, meinte Dr. Kellner.

3. Die Weltneuheit : seine Botschaft
Die damalige Gesellschaft war gespalten in Freie und Sklaven. Die Unfreien wurden ausgebeutet, und es kam zu Sklavenaufständen.Gegen diese Situation wandte sich Paulus: „Ihr seid zur Freiheit berufen.“ (Gal 5, 13) Er lehrte: „Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau, denn ihr seid alle „einer“ in Christus.“ (Gal 3,27f)Und auch: „Einer trage des anderen Last; so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ (Gal 6,2)
Die Botschaft von Paulus war revolutionär: Die Prinzipien der Menschenwürde, die Grundsätze von Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit verkündete Paulus vor 2000 Jahren. Sie waren keine Errungenschaft der französischen Revolution. Diese drei Botschaften verschmolzen zu einem Leitbild, wie jedes Unternehmen eines benötigt.

4. Welcher Gedanke lag der Entwicklung seiner Organisation zu Grunde?
Das antike Thema „Wie verhalten sich Leib und Glied zueinander?“ griff Paulus auf. In einem Brief zu Pfingsten an die Gemeinde in Korinth stellte er dazu theologische Überlegungen an: „Auch der Leib besteht nicht nur aus einem Glied, sondern aus mehreren Gliedern. Wenn der Fuß sagt: Ich bin keine Hand, ich gehöre nicht zum Leib, so gehört er doch zum Leib… Nun hat Gott jedes einzelne Glied so in den Leib eingefügt, wie es seiner Absicht entsprach… So aber gibt es viele Glieder und doch nur einen Leib.“ (1 Kor 12,14-20)
Dr. Kellner nennt dieses zusammenhängende Denken „systemisches Denken“. Mit den Sinnbildern von Leib und Gliedern verglich Paulus die Gemeinden, die in ihrer Vielfalt auch eine Einheit bildeten. Und daraus erwuchs ihr Zusammenhalt. Aktuell ausgedrückt heißt dies: Systemische Organisationsentwicklung.

5. Wie entwickelte Paulus sein Projekt?
Er, der politisch denkende Mensch, suchte die Anerkennung der Autoritäten in Jerusalem.
Er schickte den Erlös einer Kollekte an die dortige Gemeinde, die Geld benötigte.
Er selbst achtete auf wirtschaftliche Unabhängigkeit.
Er wirkte zuerst in seiner Heimat: in Syrien, Zilizien, Antiochien.
Er erkannte seine Mission: die Heiden.
Er war bereit, dafür etwas zu riskieren: Er ging auf unglaublich weite und gefährliche Missionsreisen, überlebte dabei auch einen Schiffbruch.
1. Missionsreise (46/47 n.Chr.): über Zypern in die südliche Türkei
2. Missionsreise (49-52): über das Mittelmeer nach Griechenland
3. Missionsreise (53-55): über die Türkei nach Griechenland
4. Reise nach Rom (58) : über die südliche Türkei und auf dem Seeweg über Kreta und Sizilien


Er hatte 16 Mitarbeitende. Dabei förderte er die charismatische Personalentwicklung:
Er wies einer Person eine ihr eigene Kompetenz zu. (1 Kor 12,8-11). Denn es gibt grundverschiedene Talente. Diese Gaben sind vom Geist zugeteilt, also ein Gottesgeschenk. „Jeder ist Tempel des Geistes“. (1 Kor 6,19) So verbindet der Geist Gottes. Alle Handlungen sollen im Vertrauen auf die Mitwirkung des Geistes Gottes geschehen.
Er baute selbsttragende Strukturen auf: Die christlichen Gemeinden beteten in eigenen Hauskirchen, die er gründete.
Er kommunizierte über Briefe und Mitarbeitende.

Dr. Kellner gab als Exkurs einen Einblick über die Stellung der Frau in den damaligen christlichen Gemeinden. Er widerlegte die Paulus zugeschriebene Aussage, dass Frauen in der Versammlung der Gemeinde schweigen sollten. Dieser frauenfeindliche Satz sei eine Verfälschung des tatsächlichen Textes von Paulus. Im Gegenteil: Paulus setzte die gleichberechtigte Ausübung von gemeindlichen Funktionen durch Frauen und Männer voraus. Denn Frauen hatten ebenso Leitungsfunktionen. Deswegen liest man im Römerbrief 16 die Namen von Mitarbeiterinnen, wie z.B. Phöbe, Priska oder Junia. Ende des 1. Jahrhunderts drängte eine Männerbewegung die Frauen aus ihren Ämtern. Diese Tradition besteht bis heute und ist nicht im Sinne von Paulus. Denn dieser setzte sich revolutionär für die Gleichberechtigung von Mann und Frau in der Kirche ein. Als Dr. Kellner dies selbst befürwortete, ging ein Raunen durch die Reihen der vielen Zuhörerinnen. Und an den Tischen wurde weiter diskutiert über die heutige Stellung der Frau in der Kirche.

Das Resümee: Dr. Kellner entschlüsselte die schwer verständlichen Paulus-Texte zeitgemäß. Er vermittelte die überragenden Leistungen von Paulus eindringlich. Und sein Vortrag enthielt dabei auch Sprengstoff.
Ursula Koch