Die Frauen in der Urgemeinde

Susanne Deininger am 3.Juli 2019




„Jesus hat das Priesteramt und die Kirche nicht erfunden“, stellte Susanne Deininger, Pastoralreferentin und theologische Mitarbeiterin im Dachauer Forum, gleich zu Anfang ihres Vortrages fest. Damit war klar: von Jesus ist keine Aussage zur Stellung der Frau in der Kirche überliefert. Aber Jesus begegnete den Frauen immer wertschätzend. So werden im Markus-Evangelium zahlreiche Jüngerinnen und tapfere Frauen erwähnt. Auch im jüngsten, dem Johannes-Evangelium finden wir starke Frauengestalten. Was wir aber über die Position der Frauen in den Urgemeinden wissen, ist niedergeschrieben im Doppelbuch des Lukas-Evangeliums und der Apostelgeschichte, ca. 90 n. Chr. Herausragende Bedeutung haben die originalen Briefe des Apostels Paulus, die früher entstanden sind, um 50 n. Chr. Sie sind die ältesten Schriften im Neuen Testament. Frau Deininger grenzte den Zeitraum der Urkirche auf die Zeit der Paulus-Briefe und der Apostelgeschichte ein.

Wie sahen die Urgemeinden aus?
„Oikos“ hießen die Urgemeinden bei Paulus, der als Jude römisch-hellenistisch geprägt war. Das waren private Hausgemeinden. Damit sind die Großfamilien gemeint, einschließlich der Sklaven, die häufig Hauslehrer waren. Die Häuser waren größere Komplexe. Der Gemeindevorsteher war der Patron oder die Patronin. Am 1. Tag der Woche fand eine religiöse Zeremonie statt: Nach der Verkündigung brach man das Brot und trank Wein. Danach erst nahm man das Herrenmahl ein. Das Sättigungsmahl war für die Armen, die auch Speisen mit nach Hause trugen. Die Sorge für die Armen war eine wichtige Aufgabe der Urgemeinden.
„Ekklesia“ heißt die Gemeinde bei Lukas und in der Apostelgeschichte. Gemeint ist damit eine öffentliche Bürgerversammlung, wie sie im römischen Reich üblich war. Eventuell bezog man sich auf jüdisch-christliche Gemeinden in Jerusalem. Der lateinische Name für Kirche stammt aus dieser Zeit.

Welche Aussagen über die Frauen gibt es?
Im Brief an die Galater (Gal 3,27f) spricht Paulus eindeutig: „… Ihr alle seid einer in Jesus Christus“. Durch die Taufe wird nicht mehr nach „männlich und weiblich“ unterschieden. In der Würde sind alle Menschen gleich, Männer und Frauen, Sklaven wie Freie. Diese Aussagen von Paulus waren eine Provokation, denn sie stellten die gängigen jüdischen und heidnischen Verhältnisse in Frage. Eine neue Gesellschaftsordnung war angesagt, in der Frauen gleichberechtigt sind wie die Männer. Wie diese hatten Frauen in den christlichen Gemeinden gesellschaftliche Funktionen inne und waren anerkannt. Paulus nannte sie namentlich, oder er ließ sie in Briefen grüßen:
1. Phöbe: Sie hatte eine Leitungsfunktion in der Gemeinde von Kenchreä. Im Originalbrief bezeichnete Paulus sie als „diakonos“, als Diakonin.
2. Priska: Sie war Mitarbeiterin von Paulus und dieser nannte sie vor ihrem Mann. Das Paar Priska und Aquila waren Flüchtlinge aus Rom. Sie wurden Vorsteher der Gemeinde in Korinth.
3. Maria, Tryphäna, Tryphosa, Persis u.a.: Sie waren wichtige Ehrenamtliche in den Gemeinden. Paulus grüßte sie als solche „die sich im Herrn mühen“.
4. Junia: Sie war eine Apostolin
5. Nympha: Paulus hob Nympha und die Gemeinde in ihrem Haus hervor.

Die Namen Junia und Nympha wurden in der nachpaulinischen Zeit verfälscht zu „Junias“ und „Nymphas“. Das sollten Männernamen sein. Aber diese Namen gab es zu Paulus Zeiten nicht. Auch die gleichberechtigte Stellung der Frauen in den Gemeinden wurde unterdrückt und im Laufe der Zeit abgeschafft: „Sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz sagt.“ (1 Kor 14,33bf) Auch „sollen die Frauen in den Versammlungen schweigen“. Diese frauenfeindlichen Forderungen sind Paulus nicht zuzuschreiben.

Was waren die Gründe für diese abwertenden Veränderungen?
Die christlichen Gemeinden wuchsen und wuchsen, und man passte sich seiner Umgebung an, um nicht anzuecken. Nach römischem Recht spielten die Frauen damals eine untergeordnete Rolle. Dieser Ausgangspunkt beeinflusste die Entwicklung der Kirchengemeinden und damit die künftige, nicht gleichberechtige Stellung der Frauen im kirchlichen Dienst. Frauen gerieten wieder in die zweite Reihe.
Natürlich kamen nach dem fundierten Vortrag einige Fragen zur gegenwärtigen Situation auf. Papst Franziskus kann zu dem jetzigen Zeitpunkt die Stellung der Frau in der Kirche nicht so ohne weiteres verändern. Denn vor allem lehnen die afrikanischen und die südamerikanischen Bischöfe das Priestertum der Frauen ab. Der Papst aber will die Einheit der Weltkirche bewahren. Ob die europäischen Bischöfe in ihren Synoden einen eigenen Weg gehen können? Frau Deininger war da skeptisch. Aber es gäbe da ja noch die Bewegung „Kirche von unten“, meinte sie zum Schluss doch hoffnungsvoll. „Wir werden sehen“.
Diese Feststellung führte zu weiteren Diskussionen an den Tischen.
Ursula Koch