Die Familie Wallach in Dachau

Rosemarie Schreiner am 6.November 2019

Zu dieser Veranstaltung des Seniorenkreises kamen viele interessierte Zuhörer, die sich über das Schicksal der in Dachau bekannten jüdischen Familie informieren wollten. Etliche im Publikum konnten sich an das Stoffgeschäft Wallach an der Ecke Münchner Straße/Schillerstraße erinnern. Dort kaufte man Tischdecken und Stoffe, die mit Modeln handbedruckt waren. Und so wurde das Referat von Frau Rosemarie Schreiner gespannt erwartet.


Die Familie Wallach, mit 10 Kindern, stammte aus Westfalen, der Vater war dort Getreidehändler. Zwei Brüder, Julius und Moritz, ließen sich in München nieder und gründeten 1905 eine Firma. In der Lindwurmstraße 11 betrieben sie zunächst eine kleine Schneiderwerkstatt und ein kleines Geschäft. Dann entdeckten sie die Volkskunst und begeisterten sich dafür. Sie sammelten rund 700 volkskundliche Gegenstände und stellten diese in einem Museum aus. Aus Südtirol brachte Julius ein Trachtenkleid mit. Moritz vereinfachte das Schnittmuster und ließ ein schlichteres Gewand schneidern. Das Dirndl war geboren, und es wurde zum begehrten Artikel in der feinen Münchner Gesellschaft.
In der Münchner Innenstadt eröffneten die Brüder ein vornehmes Geschäft in der Dienerstraße mit der beliebten Trachtenmode. Das Geschäft florierte, denn Dirndl und Stoffe mit volkstümlichen Motiven kauften später auch die volkstumsbesessenen Nationalsozialisten gerne. Es existiert ein Foto, das Hitler vor einem Vorhang aus Wallach-Stoffen zeigt.

Stoffdruckerei in Dachau-Süd Max, Melitta und Franz Wallach 1935 in Dachau

1919 erwarben die Brüder in Dachau das Gebäude der Pappenfabrik Autenrieder. Es lag im heutigen Dachau-Süd am Gröbenbach. Das Wasser benötigte man für die Stoffdruckerei, die neben der dortigen Weberei eingerichtet wurde. Bruder Max, der Maschineningenieur war, kehrte aus Shanghai/China zurück, weil er dringend gebraucht wurde. Er wurde Betriebsleiter in der Fabrik, und er kümmerte sich um die Energieversorgung.
Melitta Holländer, eine Jüdin, die im Münchner Geschäft arbeitete, wurde seine um 19 Jahre jüngere Frau. Beide zogen nach Dachau, und sie wohnten neben der Fabrik. Moritz Wallachs Sohn Rolf verließ wegen eines Streites seinen Vater und wanderte nach Amerika aus.
1938 begann die Judenverfolgung. Rolf Wallach bürgte dafür, dass seine Eltern und seine anderen Verwandten nach Amerika einwandern konnten. Moritz Wallach wurde gezwungen, das Geschäft weit unter Wert zu verkaufen, und er musste den Erlös als Steuer wieder abgeben. Er und seine Frau Meta konnten Deutschland im März 1938 verlassen, gerade noch rechtzeitig vor den Judenpogromen am 9. November. Max und Melly Wallach flohen zuerst nach Ruhpolding und von dort nach Paderborn zu Verwandten. Sie warteten verzweifelt auf ein Visum für die Vereinigten Staaten.
Ihren 15-jährigen Sohn Franzl konnten sie mit einem der letzten Kindertransporte nach England schicken. Für Max und Melly Wallach aber gab es keine Rettung mehr, denn sie erhielten keine Einreisegenehmigung. Sie wurden nach Theresienstadt deportiert und 1944 nach Auschwitz gebracht. Dort wurden sie ermordet.
Ihren Sohn Franz Wallach hatte eine Missionarswitwe aufgenommen, und er musste als Jude eine christliche Schule besuchen. Darunter litt er sehr. Er blieb aber in England, studierte später Maschinenbau und hatte dann einen Lehrstuhl an der Universität in Bath inne. Seinen Namen hatte er in Frank Wallace geändert.
Stoffe wurden in der Fabrik bis August 1983 produziert unter dem Geschäftsführer Sedlmayer. Dieser leitete die Fabrik, auch nachdem die Eigentumsverhältnisse rückabgewickelt worden waren.


An die jüdische Familie Wallach erinnern in Dachau ein Denkmal mit zwei Frauen in der Dachauer Tracht und zwei Stolpersteine an der Wohnsiedlung „Wallachpark“. Diese befindet sich an der Stelle, wo ursprünglich die Fabrik stand.
Frau Schreiner und eine Zuhörerin hatten originale Wallach-Stoffe und eine Wallach-Tischdecke mitgebracht. Viele Besucherinnen kannten die Drucke, weil sie selber auch Vorhänge oder Kissen aus Wallach-Stoffen zu Hause hatten. Eine Besucherin konnte berichten, wie ihr Vater sich über judenfeindliche Schmierereien an drei Geschäften aufgeregt hatte.
Frau Schreiner machte auf eine Veranstaltung im Rathaus aufmerksam. Zur Gedenkfeier, die an die Pogrome vom 9. November 1938 erinnert, kämen die zwei Enkel von Max und Melly Wallach. Sie würden in ihrem Vortrag die tragische Geschichte ihrer Familie vorstellen. Denn deren Schicksal und das Schicksal der vielen anderen Getöteten dürften nicht vergessen werden. Und es sei beschämend und alarmierend, dass der Antisemitismus in Deutschland wieder aufbreche.
Nach dieser zutreffenden Feststellung ging man bedrückt nach Hause.
Ursula Koch
mit Fotos von Günther Koch