Ökumenische Perspektiven


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Getrennt, und nun geeint: Die Rechtfertigungslehre


Glasfenster mit TaubeAm 31. Oktober, dem Reformationsfest der Evangelischen Kirche, wurde in Augsburg die "Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre des Lutherischen Weltbundes und des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen" unterzeichnet. Lange wurde um dieses ökumenische Papier gerungen, und noch wird es von Kritikern auf beiden Seiten argwöhnisch betrachtet. Seit den Sechzigerjahren, ja schon vor dem 2. Vatikanum, gab es zwischen beiden Kirchen Gespräche, und sie sind nun zu einem bedeutsamen Abschluss gekommen. Aber worum geht es da? Dazu müssen wir in das Zeitalter der Reformation, ins 16. Jahrhundert zurückschauen.

Die Menschen waren damals umgetrieben von der Frage: "Werde ich von Gott angenommen? Kann Gott mich lieben in meiner Sündhaftigkeit?" Diese Fragen haben für den heutigen Menschen kaum noch eine Bedeutung. Heute geht es mehr um die Existenz und die Gerechtigkeit Gottes, um den Sinn des Lebens. Auch Martin Luther, Augustinermönch und späterer Reformator, quälte sich: "Wie kriege ich einen barmherzigen Gott?" Beim Studium der Heiligen Schrift fand er im Römerbrief die Antwort: Der Mensch braucht Gott nicht gnädig zu stimmen. Er kann und braucht es nicht, weil in und durch Jesus jeder Mensch von Gott angenommen ist. So sagt Luther, der Mensch sei "simul iustus et peccator", Gerechter und Sünder zugleich. Jesus ist es, der für die Menschen vor Gott, seinem Vater, eintritt. Durch Jesu Wirken ist der Mensch vor Gott "gerechtfertigt". Der Gläubige braucht sich nur auf die Liebe und Barmherzigkeit Gottes einzulassen. Der Glaube allein ist die Rettung, die Garantie für das Seelenheil. Als Beweis dient ihm der rechte Schächer, der mit Jesus gekreuzigt worden war. Er war ans Kreuz geheftet, konnte also keinerlei gute Werke tun; er konnte nur gläubig auf Jesus vertrauen, und Jesus sagt ihm: "Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein!"

Die damalige katholische Kirche betonte aber auch den heilschaffenden Wert der guten Werke. Vor allem lehrte sie auch die Bedeutung des Ablasses. Durch bestimmte gute Werke, Gebet und Sakramentenempfang konnte der Mensch für sein eigenes Seelenheil oder das von Verstorbenen Verdienste erwerben. Die Kirche berief sich dabei auf den Jakobusbrief, den Martin Luther "eine strohern Epistel" nannte. Leider betonten beide Seiten ihre Ansicht dann so einseitig, dass die Art, wie der Mensch sein Heil vor Gott erlangen konnte, eine wesentliche Voraussetzung für die Kirchenspaltung wurde.

Detail aus dem "Salvator Mundi"Die gemeinsame Erklärung nun betont: "Wir bekennen gemeinsam, dass Gott aus Gnade dem Menschen die Sünde vergibt und ihn zugleich in seinem Leben von der knechtischen Macht der Sünde befreit." Auch das freie Mitwirken des Menschen findet seinen Ausdruck in der Erklärung. Es wird daran erinnert, dass die "göttliche Barmherzigkeit, wie es in 2 Kor 5,17 heißt, eine neue Schöpfung bewirkt und damit den Menschen befähigt, in seiner Antwort auf das Geschenk Gottes mit der Gnade mitzuwirken." Weiterhin heißt es: "In diesem Zusammenhang nimmt die katholische Kirche mit Befriedigung zur Kenntnis, dass die Gemeinsame Erklärung auch betont, dass der Mensch die Gnade zurückweisen kann." Damit ist aber auch ausgesagt, dass der Mensch in besonderer Weise die Fähigkeit hat, an seinem Heil vor Gott mitzuwirken. Da der Primat der Gnade vor jedem menschlichen Mitwirken betont wird, bekennt die katholische Kirche auch, dass die göttliche Gnade mehr Beachtung finden muss.

Zusammenfassend kann gesagt werden: Rechtfertigung umfasst sowohl die Vergebung der Schuld des Menschen aufgrund der gnädigen Haltung Gottes als auch seine Befähigung zum Guten durch die Mitteilung der Gaben des Heiligen Geistes, die schon während des irdischen Lebens des Menschen wirksam sind. In der Erklärung heißt es dann auch: "Gemeinsam bekennen wir: Allein aus Gnade im Glauben an die Heilstat Christi, nicht aufgrund unseres Verdienstes, werden wir von Gott angenommen und empfangen den Heiligen Geist, der unsere Herzen erneuert und uns befähigt und aufruft zu guten Werken" (GE 15). Einfacher lässt sich die Sachlage so ausdrücken: Ein Mensch, der glaubt und in der Nachfolge Christi zu leben versucht, dessen Leben wird auch von der Gottes- und Nächstenliebe und damit von guten Werken gekennzeichnet sein, wozu ja Jesus aufruft, wenn er sagt: "Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan!"

Durch die Gemeinsame Erklärung sind sich die Kirchen einen wesentlichen Schritt näher gekommen. Hier war der Heilige Geist am Werk.

GR Reinhold Langenberger
im Pfarrbrief Advent 1999





Ökumenisches Zusammenleben heute: Ärgerliches und Bereicherndes

Liebe Gemeindemitglieder der Friedenskirche!
Liebe Schwestern und Brüder!

Schale mit HostienAls Jesus mit seinen Jüngern das letzte Abendmahl hielt und ihnen Brot und Wein reichte und dabei die bedeutungsschweren Worte sprach: „Nehmet und esset, das ist mein Leib!“ und „Nehmet und trinket, das ist mein Blut!“, da mögen die Apostel zunächst gar nicht begriffen haben, was Jesus letztlich damit meinte und wie ernst es ihm darum war. Eines aber dürfte ihnen, auch wegen der besonderen Umstände, bewusst gewesen sein. Unser Herr und Meister schenkt uns jetzt in diesem Augenblick seine ganz besondere Liebe, und er will, dass wir diese Liebe leben und weitergeben. Sein Andenken darf nicht nur Erinnerung, es muss gelebtes Tun sein.

Dass gerade dieses Einheit schaffende Vermächtnis Jesu schließlich Christen, Brüder und Schwestern Jesu verschiedener Konfessionen, trennen würde wegen des unterschiedlichen Verständnisses des Abendmahls, der Eucharistie, das konnten weder die Apostel ahnen, noch konnte es Jesus gewollt haben. Konfession heißt ja Bekenntnis. Weil Christen verschiedener Kirchen sich also in besonderer Weise, ihrem Glaubensverständnis entsprechend überzeugt, zu Christus bekennen, können sie das Mahl Jesu Christi nicht zusammen feiern. Das ist absurd und ärgerlich. Ich hoffe sehr, dass sich das in absehbarer Zeit ändern wird und die Kirchen zueinander und gemeinsam zu Jesus finden.

Vieles aber können wir gemeinsam tun: beten, singen, Feste und Gottesdienste feiern. Vielfältige Begegnungen sind möglich. Ökumenische Ehen beleben und bereichern uns. So habe ich große Zuversicht, und mir ist nicht bange. Dass ich im Pfarrbrief der Friedenskirche diese Zeilen schreiben darf, ehrt und freut mich und zeigt, dass wir auf gemeinsamem Weg sind. Als Pfarrer von Mariä Himmelfahrt bin ich ja Nachbar, und ich bin froh, dass nicht nur zwischen den Gemeindemitgliedern, sondern auch zwischen den Seelsorger/innen beider Gemeinden ein freundschaftliches Verhältnis besteht. [...]

GR Reinhold Langenberger
im „Evangelischen Gemeindebrief“ der Friedenskirche 2005



 
 
 
Gedanken zum Fortschritt der Ökumene
(Aus dem Grußwort an Erzbischof Prof. Dr. Reinhard Marx am 2. Februar 2008)

Schild an der B 304[...] Da Sie selbst in dem Interview sagen „Ein Bischof ist nicht dazu da, eigene Ideen durchzudrücken, sondern Christus zu verkünden“, bin ich guten Mutes, dass der neue Bischof und Bayern zusammenfinden und dass wir beide uns in diesem Ziel, Christus zu verkünden, sehr gut zusammenfinden werden.

Und dieses gemeinsame Ziel ist auch eine gute Grundlage für unsere ökumenischen Beziehungen. Im Bereich der Erzdiözese ist die Zahl konfessionsverschiedener Ehen besonders groß. Entsprechend hoch sind die Erwartungen an die ökumenische Zusammenarbeit unserer Kirchen. Dabei stimme ich mit Ihnen völlig überein, wenn Sie sagen: „Der Fortschritt der Ökumene ist nicht am Streitthema Abendmahl zu messen. Es geht vor allem darum, Respekt vor dem Anderssein des Partners zu haben. In der Ökumene geht es nur weiter, wenn wir klar die Möglichkeiten und Grenzen des Partners respektieren und nicht den Eindruck vermitteln, der eine müsste genauso werden wie der andere.“ Ganz genau so sehe ich es auch. Wenn wir in den nächsten Jahren dahin kommen, Respekt voreinander zu zeigen und uns nicht gegenseitig grundsätzlich mit unseren spezifischen Auffassungen in Frage zu stellen, ist viel gewonnen. Ich sage Ihnen zu, dass ich keinerlei Forderungen an Sie stellen werde, die zu erfüllen Ihnen die katholische Glaubenslehre oder das Kirchenrecht unmöglich machen. Und ich bin aufgrund meiner Erfahrungen sicher, dass Sie auch uns denselben Respekt entgegenbringen werden. Dann können wir in aller Verschiedenheit gemeinsam überzeugend Zeugnis ablegen für unseren Herrn Jesus Christus.

Das wichtigste Projekt der nächsten Jahre, bei dem wir gemeinsam Verantwortung tragen, ist der Zweite Ökumenische Kirchentag 2010. Ihre Vision dazu haben Sie in der Aussage fokussiert: »Ich würde mir als Zielfoto des Kirchentags wünschen, dass wir alle sagen: „Gut dass wir dieses gemeinsame Zeugnis in unserer Gesellschaft gegeben haben!“«

Der Ökumenische Kirchentag ist zunächst mal eine missionarische Chance. Die Menschen schauen auf uns, ob wir ein gemeinsames Glaubenszeugnis geben oder ständig auf der Hut voreinander sind. Eine zerstrittene Christenheit gibt kein glaubwürdiges Zeugnis ab. Wir müssen vielmehr deutlich machen, dass wir im Grundsätzlichen, aber auch in ganz vielen Einzelfragen übereinstimmen und bei dem, was uns noch trennt, ehrlich um Überwindung bestrebt sind und uns nicht gemütlich in unser eigenes Sosein eingerichtet haben. Was wir tun und sagen, darf vor allem nicht den Eindruck erwecken, es richte sich gegen die Menschen und gegen die Ökumene. Jesus Christus will, dass alle eins seien. Und die Menschen in Bayern wünschen sich das auch. Ich wünsche Ihnen von Herzen, dass Ihnen das Prädikat „Muntermacher im Glauben“ am Ende auch von den Christinnen und Christen unserer Kirche und von den Menschen in konfessionsverschiedener Lebensgemeinschaft nachgesagt werden kann.

Ich lade Sie ganz herzlich ein, dass wir uns regelmäßig begegnen und miteinander austauschen. Unsere Ämter und Fachabteilungen tun das sowieso. [...]
Dr. Johannes Friedrich
Landesbischof der Evang.-Luth. Kirche in Bayern (1999-2011)
Leitender Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (2005-2011)
 
 
 
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