Heißt „Ethik“: Die Kunst des guten Lebens? Gespräch nach dem Gottesdienst am 13.02.2011 - mit Fortsetzung am 13. März

 
Heißt „Ethik“: Die Kunst des guten Lebens?












Die Auseinandersetzung mit den persönlichen Wünschen für ein gutes und erfülltes Leben
plus gleichzeitig Toleranz und Verständnis für die Wertvorstellungen anderer waren der Angelpunkt beim ersten „Gespräch nach 11“ am 13. Februar 2011 im Kirchensaal. Mit Simone Huber, seit einem Jahr Mitglied der Pfarrgemeinde, sollten Konsequenzen für das alltägliche Handeln daraus abgeleitet werden. Simone Huber ist Diplom-Sozialpädagogin, sie leitet das Patientenzentrum der Palliativabteilung eines großen Medizinischen Versorgungszentrums. Peter Heimann stellte sie vor und führte in das Thema ein..

Heißt „Ethik“: Die Kunst des guten Lebens?Einen beachtenswerten Impuls warf ein Zuhörer ein: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.“ Der Artikel 1 unseres Grundgesetzes gilt verbindlich für jegliches staatliche Handeln, gibt die verpflichtende Orientierung für alle weltlichen Autoritäten vor. Kann die Religion als Stifterin von Sinn und Orientierung hierzu oder gar darüber hinaus etwas hinzusetzen? Nicht für alles kann die Bibel eine Antwort parat haben. Denn die Gier des Bankmanagers oder den Dioxinskandal oder die Amokläufe junger Menschen hat es vor zweitausend Jahren noch nicht gegeben. Auch die Fortschritte der Medizin, der Umweltschutz, der Umgang mit Ressourcen und Energie werfen Fragen auf, auf die die Christen nicht unbedingt ad hoc kompetent eingehen können. Was gilt neben den 10 Geboten und der Bergpredigt als Maßstab im 21. Jahrhundert? Wer legt die ethischen Grundsätze für unsere Zeit fest? Wer entwickelt die moralischen Regeln für heute?

Heißt „Ethik“: Die Kunst des guten Lebens?Das Leben nicht zu vergeuden, ist eine tiefe Sehnsucht eines jeden Menschen. Diese Sehnsucht erfordert ein waches, achtsames und bewusstes Handeln, welches immer wieder reflektiert und manchmal geändert werden muss. Reflektieren ist auf den Gewinn von Erkenntnissen gerichtet. Diese Erkenntnisse wirken sich auf unser Tun und Lassen in der Zukunft aus. Die Geschichte der Menschheit zeigt allerdings, dass Nachdenken und Reflektieren zwar laufend zu neuen Errungenschaften führt, dabei aber nicht verhindert, dass die Menschen große Fehler begehen. Die Normen, die Sitten und Gebräuche bilden sich über längere Zeiträume weg heraus. Dabei sind gewaltige länderspezifische Abweichungen zu beobachten. Die gewonnenen Erkenntnisse bleiben aber keineswegs auf Dauer gültig, sie müssen von Zeit zu Zeit überprüft und notfalls abgewandelt werden; denn die Perspektive ändert sich.

Es ist dennoch ein falscher Ansatz, wenn man sich darauf verlässt, dass die Ethik für jedes Dilemma mit einer Antwort bereitsteht oder für alle Situationen Rezepte bietet. Die Ethik ist Spiegel unseres Gewissens, sie konfrontiert uns mit Fragen, sie hinterfragt nur. Das Gewissen wird dafür aus vielerlei Quellen genährt: aus der Vorstellung, aus Erlebnissen, aus Gehörtem, aus Gesehenem, aus der Erfahrung in Bezug auf Versäumnisse oder Vergeudung, aus der Erziehung zum Beispiel.

Reflektieren wird wohl am besten als "disziplin-orientiertes Nach-Denken" umschrieben: auf Ordnung bedachtes Verhalten, Unterordnung oder bewusste Einordnung in eine bestimmte Ordnung, das bewusste Einhalten von Vorschriften oder Verhaltensregeln, die nicht nur einem Einzelnen nützen. Mein Handeln darf durchaus auf Vorteil bedacht sein, vorteilhaft für alle, nicht allein für mein Ego.

Heißt „Ethik“: Die Kunst des guten Lebens?












In der Gesprächsrunde wurde Bedauern über den Umstand artikuliert, dass die Wirtschaftsethik ein Stiefkind geblieben ist – nicht nur in Handel und Gewerbe unserer Tage, sondern auch als Gegenstand von Forschung und Lehre an den Universitäten. Was sind das für Zeiten, in denen dem einen trotz Versagens ein Millionenbonus ausgezahlt wird, während der andere bei ehrlicher Vollzeitarbeit auf eine Hartz-IV-Aufstockung angewiesen ist?

Heißt „Ethik“: Die Kunst des guten Lebens?Simone Huber trug als Schlusspointe Auszüge aus einer Kurzgeschichte von Heinrich Böll vor. In der „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“ schildert Böll (Romane und Erzählungen, Band 4. Köln: Kiepenheuer & Witsch 1994, S. 267-269), wie ein Tourist, der einem ärmlich gekleideten Fischer gutgemeinte Ratschläge für seine Arbeit aufdrängt, an dessen Gleichgültigkeit scheitert.

Der Tourist stört die beschauliche Ruhe des in seinem Boot im idyllischen Hafen dösenden Fischers, indem er zuerst Fotos macht und ihn dann überreden will, zum Fang hinauszufahren. Als der Fischer erwidert, dass er damit schon fertig sei, steigert sich der besorgt wirkende Tourist in Visionen hinein und malt aus, was alles an Reichtum eintreffen könnte, wenn der Fischer mehr arbeiten würde. Doch dieser erklärt dem Touristen rundweg, dass er mit seinem Leben vollkommen zufrieden sei, woraufhin jener aufgibt und nachdenklich weggeht. „Es blieb keine Spur von Mitleid mit dem Fischer in ihm zurück, nur ein wenig Neid.“

Der Fischer ist mit seinem Leben zufrieden und arbeitet nur so viel, wie er es zum Überleben tun muss. Er arbeitet, um leben zu können - ganz im Gegensatz zu dem Touristen. Denn der lebt, um zu arbeiten. Und wir?
 
Dieter Reinke
 

 
Als die eingeplante 60-Minuten-Grenze überschritten war, wurde aus dem sehr regen Teilnehmerkreis heraus mit Nachdruck der Wunsch geäußert, die Gesprächsrunde fortzusetzen, weil noch mehrere wesentliche Punkte unbehandelt geblieben waren. Simone Huber stimmte zu und umriss in ihrem Ausblick u.a. die folgende Palette von weiterführenden, verfeinerten Fragestellungen:

Warum gelingt es uns im Alltag oft so wenig, bei unseren Wertvorstellungen zu bleiben, sodass wir doch in ein anderes, in ein unethisches Verhalten verfallen? Was löst diese Krisen aus, was hindert uns? Was brauchen wir, um es besser zu machen? Sollte ich mir zum Beispiel Zeitfenster zum „Nach-Denken“ schaffen? Suche ich mir Gesprächspartner, mit denen gemeinsam Reflektieren möglich ist? Führt mich die Diskussion in und mit einer Gruppe zur Einübung ethischen Handelns?

Ein wichtiger Schritt ist auch die Bewusstmachung der Endlichkeit. Es gibt Grenzen. Muss ich auch akzeptieren, dass ich manches nicht tun kann, dass ich manches versäumt habe? Und dass ich im Lebensprozess manchmal auch trauern muss für Dinge, die ich vergeudet habe, weil ich mir keine Zeit genommen habe, mich damit zu versöhnen und weiterzumachen? Wie kann ich überprüfen, welches der nächste gute Schritt wäre?

Die Weiterführung der Gesprächsrunde wurde spontan für den 13. März vereinbart.
  
Gespräch nach 11