Übergabe des Nagelkreuzes von Coventry an die Versöhnungskirche in Dachau



 


„FATHER FORGIVE“ ließ der Dompropst Richard Howard in die verbliebene Stirnwand der Ruine des Presbyteriums einmeißeln, nachdem die deutsche Luftwaffe im November 1940 seine Kathedrale St. Michael in Coventry völlig zerstört hatte. Er entschied sich gegen das „Father forgive them“, das Jesus als erstes der sieben letzten Worte am Kreuz gesprochen hatte (Lk 23,34). Denn es war Howard wichtig, alle Gedanken an Vergeltung, alle Hassgefühle zu vermeiden. Die Worte „FATHER FORGIVE“ prägen das Versöhnungsgebet von Coventry, das seit 1959 jeden Freitag vor einem Kreuz aus verkohlten Balken in der Ruine gesprochen wird.

Auf dem Altar der neu erbauten Kathedrale nebenan steht jetzt das Kreuz, das aus  drei übergroßen Zimmermannsnägeln des zertrümmerten Gotteshauses zusammengelötet wurde. Die Nägel hatten die Balken der mittelalterlichen Decke zusammengehalten. In den zahlreichen Kirchen, die sich um eine Nachbildung dieses Nagelkreuzes beworben haben, findet dasselbe Freitagsgebet statt. „Das Nagelkreuz von Coventry steht heute als Zeichen der Versöhnung, des Friedens und der Feindesliebe an vielen Orten der Welt, wo Menschen sich unter diesem Kreuz der Aufgabe stellen, alte Gegensätze zu überbrücken und nach neuen Wegen in eine gemeinsame Zukunft zu suchen.“

Seit dem 8. Mai 2012, dem 67. Jahrestag der Befreiung der Deutschen von der Nazidiktatur, besitzt die Dachauer Versöhnungskirche ein Nagelkreuz aus den Händen des Domkapitulars Reverend Canon David Porter aus Coventry. Oberkirchenrat Dr. Oliver Schuegraf von der Nagelkreuzgemeinschaft Deutschland beteiligte sich an der feierlichen Zeremonie. Der evangelische Pfarrer Dr. Björn Mensing, der katholische Pastoralreferent Ludwig Schmidinger und weitere Repräsentanten gelobten bei der Übergabe, die Grundsätze der Nagelkreuzgemeinschaft zu achten. Das Versöhnungsgebet wird nun seit dem 11. Mai 2012 jeden Freitag um 12:30 Uhr in der Versöhnungskirche auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte gesprochen.

 
 

 

 


Der Wortlaut des Versöhnungsgebets von Coventry


ALLE HABEN GESÜNDIGT
UND ERMANGELN DES RUHMES,
DEN SIE BEI GOTT HABEN SOLLTEN. (Röm 3,23)

Den Hass, der Nation von Nation trennt,
Volk von Volk, Klasse von Klasse:
    VATER VERGIB.

Das Streben der Menschen und Völker,
zu besitzen, was nicht ihr eigen ist:
   VATER VERGIB.

Die Besitzgier, die die Arbeit der Menschen
ausnutzt und die Erde verwüstet:
    VATER VERGIB.

Unseren Neid auf das Wohlergehen
und Glück der Anderen:
    VATER VERGIB.

Unsere mangelnde Teilnahme
an der Not der Gefangenen,
Heimatlosen und Flüchtlinge:
   VATER VERGIB.

Die Begierde, die die Körper von Männern,
Frauen und Kindern schändet:
    VATER VERGIB.

Den Hochmut, der uns verleitet, auf
uns selbst zu vertrauen und nicht auf Gott:
    VATER VERGIB.

SEID UNTEREINANDER FREUNDLICH, HERZLICH
UND VERGEBET EINER DEM ANDEREN,
GLEICHWIE GOTT EUCH VERGEBEN HAT
IN JESUS CHRISTUS. (Eph 4,32)

 
1. Bild: Oberkirchenrat Dr. Oliver Schuegraf  (Vorsitzender der Nagelkreuzgemeinschaft in Deutschland e.V.)
2. Bild: Die Lesungen (Jeremia 8,18 - 9,1 und Lukas 19, 41-42) in deutscher und englischer Sprache:
             Klaus Schultz (ev. Diakon, Versöhnungskirche Dachau) und
             Teresa Walch (Freiwillige von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste aus den USA)
3. Bild: Chorwand der Ruine, Zustand 1966
4. Bild: Übergabe des Nagelkreuzes (Links: Reverend Canon David Porter)
5. Bild: Das Nagelkreuz auf dem Altar der Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau
6. und 7. Bild: Predigt des Reverend Canon David Porter
8. Bild: Fürbitten mit namentlichem Gedenken
             Am Altar von links: Dr. Björn Mensing (ev. Pfarrer, Versöhnungskirche Dachau)
             Ludwig Schmidinger (Pastoralreferent, Bischöflicher Beauftragter für KZ-Gedenkstättenarbeit in der
             Katholischen Erzdiözese München und Freising)
             Schwester Irmengard Schuster OCD (Subpriorin des Karmelitinnenklosters „Heilig Blut“ Dachau)
9. Bild: Pfarrer Dr. Björn Mensing. Rechts daneben die Versöhnungskirche in Dachau.

Bericht mit Fotos von 1966 und 2012: Dieter Reinke