Die Stationengottesdienste in der Osterzeit - "Statio" 1: Predigtgespräch mit Professor Dr. Gerhard Haszprunar in St. Maria und St. Nikolaus - Mitterndorf

 
  "Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt,
das habt ihr mir getan.
"
(Mt 25,40)
 
GH: Ich habe Ihnen in meiner Predigt vorhin eine ganze Reihe an den Kopf geworfen. Das ist mir schon bewusst. Das mit dem „Ebenbild“ Gottes, das ist ja etwas, was zwar alle nachbeten. Aber meistens sieht man darin zunächst in irgendeiner Form nur das „Abbild“. Auch mir ist das erst kürzlich so richtig bewusst geworden: Ich habe vor einiger Zeit eine amerikanische Karikatur gesehen. Ein kleiner Stöpsel, der schaut in den Spiegel und sagt: „Wow, so schaut Gott aus!“ Sein schlauer Kater sitzt daneben und denkt sich: „Der hat aber einen miesen Geschmack.“

Hoppla, so geht’s also offenbar nicht. Da beginnt man ein bisschen nachzudenken: „Wenn’s das nicht ist – was ist es dann?“ Im 2. Gebot steht ja: „Du sollst dir kein Bild machen.“ Und dann bleibt eigentlich nur diese Funktionalität übrig: „Du sollst so handeln wie Gott.“ Und das deckt sich natürlich jetzt wieder mit dem jüdischen oder alttestamentlichen Verständnis von Gottessöhnen. Gottessohn im alten Israel war jemand, der so handelte wie Gott – ein Gottesmann. Es geht ums Handeln. 

  1. Bild: Peter Heimann, Moderator (3.v.r.), Prof.Dr.Gerhard Haszprunar (2.v.r.)

JS:
Setzt nicht auch das Tun eine innere Wirklichkeit voraus? Inwiefern bilden Denken und Handeln eine Einheit? Gibt es in unserem "Person sein" einen Rückschluss auf die Gottebenbildlichkeit, soweit man das „Sein“ greifen kann?

GH: Wenn Jesus sagt, er finde sich in jedem einzelnen Mitmenschen, dann ist es das, was Sie jetzt meinen. Aber er bezieht dies sofort wieder auf „Handeln“, nicht auf das „Abbild“. Ganz konkret heißt es im Evangelium: „Ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen“ (Mt 25). Das ist erfrischend eindeutig. Das verführt nicht dazu, da irgendetwas hineinzuinterpretieren. Aber es geht auch hier wieder nur ums Handeln, nicht ums Sein. Und die, die so gehandelt haben, sie kommen dann ins Gottesreich. Und das ist die Mission  –  vom Rückblick her. Das ist ja eigentlich der Zweck der ganzen Geschichte.

RP: Es geht nicht wie in manch anderer Religion ums Meditieren. Es geht um die aktive Aufforderung zu verantwortlichem Handeln für Leute, die Hilfe brauchen.

GH: Das ist der Auftrag, der sich direkt aus der Schöpfungsgeschichte ableitet: Der Mensch ist einerseits Teil dieser Schöpfung – aber mit der Sonderrolle, die Schöpfung zu behüten, zu bewahren, zu beschützen. Es geht nicht ums Ausbeuten. Das hat man über viele Jahrhunderte missverstanden.

Das Selbstverständnis der antiken Herrscher war: seine erste Aufgabe ist es, sein Volk zu beschützen. Drum kriegt er auch Steuern, drum darf er eine Armee aufstellen und darf eine Burg bauen, damit er letztlich sein Volk beschützen kann.
 

PH:
Das „untertan machen“ hat wörtlich mit „ausbeuten“ nichts zu tun. Dieser Begriff bekam erst Jahrhunderte später seinen schäbigen Unterton.

KH: Ich finde auch, das Herrschen und Dienen ist dann eins eigentlich. Der gute Herrscher zeigt sich darin, dass er eben denen dient, die ihm untertan sind.

GH: Ja. Das waren ja auch noch die Zeiten, wo der König an der Spitze der Heere in die Schlacht gezogen ist. Das machen die heutigen anders.

JS: Ich möchte nochmal eine Lanze für die Bedeutung der inneren Wirklichkeit brechen. Es geht ums Tun. Aber wie komme ich dahin, dem zuzustimmen? Wenn ich jetzt einen Obdachlosen sehe auf der Straße... Oder wenn es darum geht, zu einem Schwerverbrecher, zu einem zu Recht Verurteilten Gefangenen hinzugehen... Da, kann ich mir vorstellen, regt sich immer wieder in unserem Innern ein Widerstand. Und deswegen müssen wir, glaube ich, auch das Innere verwandeln lassen.

GH: Bei den „Gefangenen“ vermute ich, wenn man das aus der Zeit Jesu her sieht, dass das natürlich zum Teil Gefangene der Besatzungsmacht waren. Und es war durchaus üblich, und das war auch bei uns viele
Jahrhunderte lang so, dass die Gefangenen von den Angehörigen zu verpflegen waren. Das heißt, da gab es keine Gefängnisküche oder so irgendwas. Da war es eben ganz entscheidend, dass man die Gefangenen besuchte. Die wären sonst verhungert. Es ist wohl nichts Weiterführendes gemeint.
 

WB:
In dem, was vorher vom Herrscher gesagt wurde, da taucht sicher auch die Rolle des Hirten wieder auf. Was ich faszinierend fand, war die Kombination von dem Schöpfungsbericht einerseits und von den Seligpreisungen. Im Schöpfungsbericht endet jeder Tag mit: „Und es war gut, es war sehr gut.“ Aber – das ist mir jetzt auch erst aufgegangen – die Schöpfung wird im Grunde erst gut, wenn wir als Mitschöpfer auf den Plan treten. Erst wenn ich in der Gesinnung und im Handeln IHM entspreche, dann kann die Schöpfung das widerspiegeln, was sie ist. Nämlich gut.

GH: Sie rennen bei mir ganz weit offene Türen ein. Der Punkt, wo die Verbindung tatsächlich hergestellt wird, ist der zweite Satz aus dem Evangelium: „Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist.“ Das ist der Link. Da bezieht er sich expressis verbis auf die Schöpfung selber.
 

FR:
Wie und wann komme ich dahin, etwas „gut“ oder „schön“ zu finden?

GH: Ich würde das „schön sein“ oder „gut sein“ lieber übersetzen mit: „sinnhaft sein“. Und diese Sinnhaftigkeit finde ich eigentlich immer nur in Verbindung mit dem „du“. Auch Faust möchte zu dem Augenblick sagen: „Verweile doch, du bist so schön“, in dem er etwas getan hat, was Sinn macht, was für seine Mitmenschen Bedeutung bekommt.

JS: Was ich jetzt begriffen habe, ist, dass die Innere Wirklichkeit und das äußere Tun zwei Seiten einer Medaille sind...
ZW: ...den Worten Taten folgen lassen!

GH: Das ist ja das, was ein Gebet eigentlich bewirken sollte. Es geht nicht darum, dass der alte Herr mit Rauschebart da oben ein bisschen zaubert. Sondern der Betende ändert sich. Das ist der Punkt. Und dann passiert auch was. Nicht immer das, was man sich denkt oder wünscht. Aber es passiert was.    [...]


D.R.

Den Predigtext herunterladen?          WORD-Datei          pdf-Datei

Zu den anderen drei Stationengottesdiensten kommen Sie mit  diesem Link.