"Dem Himmel so nah" - Ein Jakobusstück als Abschiedsgeschenk

 

Und er bewegt sich doch ... —  der Heilige Stuhl. Während einst Innozenz III. noch die Schauspieler aus allen Kirchenräumen rigoros verbannt haben soll, lud der theaterbegeisterte Johannes Paul II. die Künstler des geschriebenen und gesprochenen Wortes, des Theaters und der Musik im Jahr 1999 »zur Wiederanknüpfung einer noch nützlicheren Zusammenarbeit zwischen Kunst und Kirche« ausdrücklich ein. Das seit jeher bestehende Bündnis zwischen Evangelium und Kunst schließe »über die funktionalen Erfordernisse hinaus die Aufforderung ein, mit schöpferischer Intuition in das Geheimnis des menschgewordenen Gottes und zugleich in das Geheimnis des Menschen einzudringen.«
 

Peter Ernst hat zehn Spielszenen aus dem Leben und Wirken des Heiligen Jakobus eigens für eine Aufführung in der Dachauer Pfarrkirche St. Jakob geschrieben. Er hat für sein Schauspiel Ideen des Theologen Konstantin Bischoff genutzt, der auch die Regie führte. Die beiden kennen sich aus ihrer gemeinsamen Heimatpfarrei St. Maximilian Kolbe in München. Anlass für die Uraufführung war das einjährige Bestehen des Pfarrverbands Dachau – St. Jakob und der Abschluss des Pastoralkurses von Konstantin Bischoff in eben diesem Pfarrverband. Somit brachte Bischoff das Theaterstück unseren Pfarrverbandsgemeinden als Abschiedsgeschenk dar.
 

Aus der Biografie von Jakobus dem Älteren ist nur sehr wenig Konkretes bekannt und verbürgt. Umso mehr Legenden ranken sich um den Apostel und Kirchenpatron. Peter Ernst hat deswegen in den einführenden Spielszenen einigen weiteren Gestalten aus dem Neuen Testament viel Raum und großes Gewicht gegeben, weil er dafür auf überlieferte Texte aus den Evangelien zurückgreifen konnte. Namentlich die Figur des Jesus von Nazareth steht im ersten Teil bei den Dialogen permanent im Mittelpunkt.
 

Die Exposition der Handlung (Szenen 1 bis 5) beginnt mit der Berufung des Apostels und seines Bruders durch Jesus und endet mit der Auferstehung und der Himmelfahrt des Heilands. Im zweiten Teil (Szenen 6 bis 10) erlebt der Zuschauer, wie Jakobus in Spanien Mitmenschen zum Christentum bekehrt und tauft. Und das Publikum wird sodann Zeuge von Jakobs Wunderheilungen – aber schließlich auch von seiner Gefangennahme und seiner Aburteilung zum Märtyrertod. Eine Rahmenhandlung bezieht mit dem Vor- und dem Nachspiel zwei Jakobspilger des Jahres 2012 mit ein und gesteht ihnen sogar eine aktive Rolle in dem Schauspiel zu.
 

Aus folgenden zehn Stationen baute Peter Ernst sein Bühnenwerk auf:

  Vorspiel: Einbeziehung zweier Pilger in die Handlung
  1. Szene: Die Berufung
  2. Szene: Auf dem Berg der Verklärung
  3. Szene: Die Donnersöhne
  4. Szene: Im Garten Gethsemane
  5. Szene: Die Auferstehung
  6. Szene: Jakobus in Spanien
  7. Szene: Jakobus in Palästina bei Philetos und Hermogenes
  8. Szene: Die Bekehrung von Hermogenes
  9. Szene: Das Urteil des Herodes
10. Szene und Nachspiel: Die Jakobspilger
 

Die Aufführung verzichtete bewusst auf jegliche Kulisse. Nur wenige Requisiten und sparsames Mobiliar unterstützten den optischen Eindruck. Alle Szenen spielten im Altarraum der Jakobskirche. Der Autor und der Regisseur des Stücks wollten damit verdeutlichen, dass das Wirken des Heiligen noch Auswirkungen auf das Leben der Christen heute hat und dass das Handeln eines Heiligen für uns wohl nicht ohne die Glaubenspraxis der heutigen Zeit zu begreifen ist.
 

Christian Baumgartner, seit Mai 2009 hauptamtlicher Kirchenmusiker an St. Jakob, hatte eindrucksvolle Zwischenmusiken für die Orgel geschaffen, die weit mehr waren als etwa nur bloße Pausenfüller. Auf ihre Weise nahmen sie die Motive und Stimmungen der Szenen auf – mal behutsam-ruhig, mal aufwühlend und dramatisch-rabiat – und entwickelten die Handlung wohlüberlegt fort. Dabei verwendete Baumgartner mehrmals Zitate aus bekannten sakralen Werken, auch aus Chorälen und Taizégesängen. Der Kirchenchor St. Jakob setzte mit seinem „Sanctus“ von Mátyás Seiber einen markanten, ehernen Schlusspunkt, bei dem das „Gloria“ und das „Osanna“ hervortraten.
 

Die mitwirkenden Schauspieler und Schauspielerinnen (zuverlässig unterstützt durch ihre Souffleuse Cornelia Niedermaier und den Mesner Andreas Rudert) waren – in der Reihenfolge ihres Auftretens:

Pilger: Alexander Hauke
Pilgerin: Michaela Tezner
Mönch: Konstantin Bischoff
Petrus: Susanne Deininger
Jesus: Magdalena Nauderer
Jakobus: Korbinian Konwitschny
Andreas: Brigitte Glas
Johannes: Johannes Niedermaier
Salome, Mutter von Jakobus und Johannes: Andrea Nauderer
Judas: Josef Steindlmüller
Offizier: Michael Nauderer
Soldaten: Johannes Nauderer und Quirin Wallner
Bauersfrau: Karin Heinze
Philetos: Michael Nauderer jun.
Hermogenes: Bettina Bischoff
Jonas: Elisabeth Nauderer
Seine Mutter: Monika Gasteiger
Herodes: David Gierke
 

Alle diese Darsteller des Jakobusstücks kamen aus dem ganzen Pfarrverband und haben ihre Aufgaben in den tragenden und in den kleineren Rollen fabelhaft gemeistert. Ihre Sprechtechnik war ausgefeilt, ihre Schauspielkunst und Hingabe faszinierend. Es ist bewundernswert, dass es Konstantin Bischoff gelungen ist, so viele fähige Akteure zu gewinnen und ihnen die für junge Leute zum Teil sperrigen Texte attraktiv zu machen. Einzelne Spitzenleistungen sollen hier nicht herausgehoben werden. Denn den Spielerinnen und Spielern (die Altersspanne reicht von 11 bis 50 Jahren) kam es offenkundig auf die christliche Botschaft an, nicht auf persönliche Bewunderung. Trotzdem dankte das Publikum am Ende zu Recht mit herzlichem, lang anhaltenden Beifall.
 

»Wenn Kunst wirklich Kunst ist, dann ist immer Gott im Spiel. Der Künstler übersteigt in seiner Kunst sich selbst. Ich füge hinzu: Er übersteigt sich auf Gott hin, und zwar auch dann, wenn der Künstler selbst das gar nicht so sieht.« (Zitat Bischof Friedhelm Hofmann, Würzburg, im Interview nach einem Werkstattgespräch 2010 zum Thema „Inszenieren – Inspirieren – Konfrontieren. Potentiale zwischen Kirche und Theater.“)
 

Bericht und Fotos: Dieter Reinke