Die Kantaten IV-VI aus Bachs Weihnachtsoratorium zum Jahreswechsel 2012/2013

 

«Bach ist der Vater, wir sind die Buben. Wer von uns was Rechtes kann, hat's von ihm gelernt.»
Wolfgang Amadeus Mozart
«Manchmal sage ich zum Spaß: Wenn Bach nicht im Himmel ist, dann möchte ich da gar nicht hin. Bach ist vermutlich der einzige Komponist, dessen Werk so großartig, so anspruchsvoll für den Musiker und so reich an spiritueller Kraft für Zuhörer wie Interpreten ist, dass man gern ein Jahr allein in seiner Gesellschaft verbringen möchte.»     
Sir John Eliot Gardiner, Dirigent

Von allen größeren Schöpfungen geistlicher Musik Johann Sebastian Bachs (1685-1750) ist das Weihnachtsoratorium - BWV 248 - bis heute die populärste und die am häufigsten aufgeführte geblieben. Es ist ein geradezu volkstümliches Werk für Soli (Sopran, Alt, Tenor, Bass/Bariton), gemischten Chor und Orchester. Die Uraufführung fand in den sechs Gottesdiensten zwischen dem 25. Dezember 1734 und dem 6. Januar 1735 in Leipzig statt. Ende 2011 hatte der Dachauer Kammerchor zusammen mit dem Münchner Orchesterensemble „LODRON“ und Solisten in der Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt die Kantaten I bis III aufgeführt. Im Festkonzert am 30. Dezember 2012 standen die Kantaten IV bis VI auf dem Programm. Wiederum traten der Dachauer Kammerchor und das Münchner Ensemble „LODRON“ gemeinsam auf. Als Solisten wirkten Marie-Sophie Pollak (Sopran), Barbara Müller (Alt), Bernhard Schneider (Tenor) und Christof Hartkopf (Bass) mit. Die Leitung hatten Christiane Höft und Rainer Dietz.

Bachs Weihnachtsoratorium erzählt die gesamten neutestamentlichen Weihnachtsgeschehnisse in sechs Schritten, den sechs „Kantaten“. Der Bogen reicht von der Geburt Christi bis zur Anreise der Weisen aus dem Morgenland. Als Textquellen für die Evangelistenprosa (vorgetragen vom Tenor) verwendete Bach die Bibel in der Lutherübersetzung (für die Kantate IV das Lukas-Evangelium, in den Kantaten V und VI das Matthäus-Evangelium). Die Texte für die Choräle gehen auf Kirchenliedverse zurück. Für die Chöre, Rezitative und Arien hat Bach geistliche Texte verschiedener Autoren übernommen.
 

Viele der populären Vokalsätze sind sogenannte „Parodien“: der Komponist verwendete für diese Stücke – und das war damals durchaus gängige Praxis – musikalische Glanzstücke aus seinen früheren Werken, auch aus solchen mit weltlichem Kontext. Weil man zu Bachs Zeiten keinerlei Tonträger kannte, nutzte man vorhandene Musikstücke mehrmals mit einem neuen Text, um sie so vor dem Vergessenwerden zu bewahren. Das Kopieren der eigenen Ideen war insofern nur allzu vernünftig und wirtschaftlich zweckmäßig.


 
Bach war ein zutiefst gläubiger Christ, der in allem auf die Hilfe Jesu baute. Über oder unter seinen Werken findet sich sehr oft sein Wahlspruch "S.D.G." ("soli deo gloria" = "Gott allein die Ehre"). Beim Aufbau der Kantaten folgte Bach stets mehr oder weniger streng dem liturgischen Gesetz. Zu Beginn stimmte ein festlicher Chorsatz auf die passende Grundhaltung ein (z.B. auf den Jubel „Jauchzet, frohlocket...“ oder durch die Aufforderung zum Gotteslob „Fallt mit Danken, fallt mit Loben vor des Höchsten Gnadenthron...“ bzw. „Ehre sei dir, Gott, gesungen, dir sei Lob und Dank bereit'...“). Darauf folgten die Erzählung des Bibeltextes, eine Betrachtung hierüber (etwa in Form eines Rezitativs als Überleitung zur Arie), dann ein Gebet (eine Arie) und schließlich die „Antwort der Gemeinde“, also der Choral. Der heutige Zuhörer richtet sich in seinem Hinhören indessen wohl weniger auf die liturgische Ordnung hin aus; er will und darf die Darbietung ganz einfach wie ein Konzert genießen. Die Dachauer sind offenbar empfänglich für solcherlei Genuss: ihre Pfarrkirche war bis auf den letzten Platz besetzt. Mit jubelndem Beifall belohnten sie die grandiosen Interpreten.

«Bey einer andächtigen Musique ist alle Zeit Gott mit seiner Gnaden-Gegenwart.»
Johann Sebastian Bach (Eigenhändige Notiz in seiner Bibel)
«Man sagt, wenn die Engel für Gott spielen, so spielen sie Bach; füreinander aber spielen sie Mozart.»
Isaiah Berlin, Philosoph


 
Dieter Reinke