Erzählcafé zum Konzilsjubiläum - Diakon Fritz Koeniger und seine Frau erzählen, wie sie das Konzil erlebt haben

 

»Öffnet die Fenster, lasst euch auf die „Zeichen der Zeit“ ein, hört den Menschen zu und greift ihre Fragen auf!« Mit diesem Auftrag sollte das II. Vatikanische Konzil frischen Wind durch die geöffneten Fenster der Kirche blasen. Zwischen 1962 und 1965 erörterten die mehr als 2.500 Konzilsväter im Petersdom in Rom insbesondere folgende Problemstellungen:

• Wie kann die katholische Kirche ihre Botschaft unter den veränderten Bedingungen der modernen Welt und angesichts der weltanschaulichen Meinungsvielfalt angemessen unters Volk bringen?
• Sind eine Reform der Liturgie und die Anpassung der Priesterausbildung möglich?
• Wie steht es um die Einheit der Christen, also um die Ökumene?
• Auf welche Art und Weise kann man der Aussöhnung von Christentum und Judentum näherkommen?

Die Fragen wurden in vier Sitzungsperioden (jede jeweils mehrere Monate lang) diskutiert. Als Resultat entstanden 16 bedeutsame Dokumente: vier Konstitutionen, neun Dekrete und drei Erklärungen. Vor allem die vier Konstitutionen öffneten den Weg für weitreichende Veränderungen. So beschrieb die Konstitution „Lumen gentium“ ein neues Kirchenverständnis, demgemäß die Kirche das pilgernde Volk Gottes ist, in dem jeder Einzelne Mitverantwortung trägt. Aus der Konstitution über die Liturgie gedieh die 1970 umgesetzte Reform des Gottesdienstes und der Sakramente. Auch die Einführung der Volkssprache statt Lateinisch als alleiniger Liturgiesprache ging daraus hervor.

Die Beratungen vor 50 Jahren konnten u.a. wohl auch deswegen zu tiefgreifenden Ergebnissen führen, weil sich die Bischöfe nicht als weisungsgebundene Filialleiter von Rom sahen, sondern als Kollegialorgan mit eigenständigen Rechten ähnlich den Aposteln, als deren Nachfolger sie den Katholiken gelten.
















Fritz Koeniger (*1935) zog 1939 mit seinen Eltern und sechs Geschwistern nach Dachau, wo ihm das Elend der KZ-Häftlinge nicht verborgen blieb. Nach dem Besuch des Gymnasiums in St. Ottilien ab 1946 kehrte Koeniger 1951 nach Dachau zurück, wo er als ehrenamtlicher Helfer mit dem Dominikanerpater Leonhard Roth zusammenarbeitete. Durch Pater Roth (ehemals KZ-Häftling, nun Seelsorger für die Flüchtlinge, die das Lagergelände bewohnten) wurde er dafür sensibilisiert, dass Kirche nicht allein auf Liturgie und Predigt, sondern ebenso auf Betreuung und Fürsorge für Bedürftige basieren muss. Nach dem Studium der Sozialarbeit arbeitete er 25 Jahre lang bei der Caritas, anfangs als Eingliederungsberater für heimatlose Ausländer, dann in der Beratung von Hilfesuchenden in den verschiedensten Notsituationen. Er brachte den Aufbau der dringend notwendigen sozialen Dienste und Einrichtungen in Dachau voran. Aus den vielfältigen Erfahrungen mit dem Leid der Mitmenschen wuchs bei ihm die Bereitschaft, sich voll in den Dienst der Kirche zu stellen.



















Hier muss eingefügt werden, dass Fritz Koeniger sich, nachdem das 2. Vatikanische Konzil einberufen worden war, einer Initiative von Karl Rahner und Freiburger Studenten angeschlossen hatte. Mit einer Briefkampagne brachten sie den weltweit rund 4.000 Bischöfen und Äbten (auf Lateinisch und in fünf modernen Sprachen) ihr Anliegen nahe, den Dienststand der nicht zölibatär lebenden Diakone mit sozialen Aufgaben wieder einzuführen. Fritz und Hilde Koeniger waren zu dieser Zeit bereits verlobt. Obwohl die Studenten meist zustimmende Reaktionen erhielten, wollte die Kurie die Angelegenheit „unter den Teppich kehren“. Der Präsident des französischen Caritasverbands, der den späteren Papst Johannes XXIII. aus dessen Amtszeit als Apostolischer Nuntius in Frankreich gut kannte, konnte aber die Petition persönlich übergeben und damit auf die Tagesordnung bringen.





















Herr Koeniger hat den Fortgang der Beratungen mit großer Anteilnahme verfolgt, zumal sein eigener Lebensweg hiervon elementar berührt wurde. 1964 hat das II. Vatikanum nämlich den Diakonat als eigenständige Amtsstufe des Klerus wieder eingeführt. Die Erzdiözese München und Freising hat diese Möglichkeit zügig aufgegriffen und rasch mit dem Aufbau der Ausbildungsrichtung zum Ständigen Diakon begonnen. Am 22.11.1970 wurden in München durch Julius Kardinal Döpfner die ersten fünf Ständigen Diakone geweiht. Fritz Koeniger war einer von ihnen.

17 Jahre lang übte Herr Diakon Koeniger diesen Dienst nebenberuflich in der Pfarrei Hl. Kreuz in Dachau aus. Ab September 1988 wirkte er als hauptberuflicher Diakon in der Pfarrei St. Ulrich in Unterschleißheim, 1991 übernahm er die Leitung der Kirchenverwaltung in der Pfarrei St. Peter in Dachau. Seit 1996 ist er im Ruhestand. Fritz Koeniger ist verheiratet und Vater von zwei erwachsenen Söhnen. Seine Frau Hilde hat ihn zum Erzählcafé begleitet (siehe Fotos) und seine Ausführungen ergänzt.

Die Teilnehmer am Erzählcafé bedauerten, dass das Thema nach den veranschlagten 60 Minuten noch keineswegs abgehandelt war. Viele Fragen waren noch unbeantwortet geblieben. Die Anwesenden brachten den Wunsch zum Ausdruck, das Gespräch recht bald fortzusetzen. Das wurde ihnen verbindlich zugesagt.

[ Bericht und Fotos: Dieter Reinke ]