Damit das Herz weit werde

Die Regel des heiligen Benedikt und seine Bedeutung heute

Pater Klaus Spiegel OSB am 6. März 2013

    

Pater Klaus, Hausgeistlicher im Karmel Heilig Blut, Mitarbeiter in der katholischen Seelsorge in der Gedenkstätte und tätig in der Seelsorgsmithilfe im Pfarrverband St. Jakob, ließ den Seniorennachmittag in St. Jakob am 6. März 2013 zu einem spirituellen Erlebnis werden. Er referierte über die Regel des heiligen Benedikt und stellte die Überlegung an, ob das Buch der geistlichen Weisung für das klösterliche Leben dem heutigen Menschen Lebenshilfe sein kann.

„Höre, mein Sohn, auf die Weisung des Meisters, neige das Ohr deines Herzens“, so beginnt der lange Prolog und gibt das Ziel der Regel bzw. der Regeln vor: das geweitete Herz. Dann folgen Beschreibungen der Mönchsarten, der Stellung und Aufgabe des Abtes und Anweisungen zum sittlichen Leben, die als Werkzeuge der geistlichen Kunst bezeichnet werden. Es wird ausgeführt, wie der Tagesablauf im Wechsel von Gebet und Arbeit zu gestalten ist, aber auch das Verfahren bei Verfehlungen. Die Regel prägte das christliche Abendland, blieb aber unkommentiert. Sie galt lange als sprachlich-weltanschauliches Fossil, weil in unserer aufgeklärten Zeit der Grundsatz vom demütigen Gehorsam als Verdrängung menschlicher Grundbedürfnisse angesehen wird. Diese Einstellung bewirke eine deformierte Lebensführung und sei somit unannehmbar.

Als Quelle für das Leben des Heiligen gilt die Legendensammlung von Gregor dem Großen. Danach wurde Benedikt um 480 in Nursia geboren. Seine Schwester ist die hl. Scholastica. Er studierte in Rom, brach das Studium ab, schloss sich einer Asketengemeinschaft an und zog sich in die Einsamkeit nach Subiaco zurück. Schüler scharten sich um ihn und kleine Klöster entstanden. Dann zog er mit einigen Mönchen auf den Monte Cassino und stellte dort seine Regel fertig. Grundlage dafür war die Regula Magistri eines unbekannten Mönches. Benedikt starb nach der Überlieferung um 547. Pater Klaus stellte fest, dass es wissenschaftlich nicht geklärt sei, ob der Mönch eine historische Persönlichkeit oder der Prototyp einer geistlichen Strömung ist.

Dann zeigte Pater Klaus die Entwicklung des Mönchstums auf. Vor Benedikt mit seiner Mönchsgemeinschaft gab es eine lange Epoche mit zahlreichen monastischen Lebensformen in den Wüsten Ägyptens, Palästinas, Kleinasiens und Syriens, in Europa z.B. in Irland. Grundlage war die Hl. Schrift des Ersten ( so nennt Pater Klaus das alte Testament) und Neuen Testamentes. Nach dem „Mönchsvater“, dem hl. Antonius, besteht das Mönchstum in der Nachfolge Christi. Die Evangelien geben dazu die praktische Anleitung. In der nachapostolischen Zeit lebten die Menschen in der Naherwartung Christi. Fromme Menschen zogen sich aus den Gemeinden in die Wüste zurück und lebten als Asketen miteinander. Aus eschatologischer Sicht übten sie Enthaltsamkeit und verzichteten auf die Ehe. Einsiedler, Anachoreten, lebten allein in der Wüste, dem Ort der Begegnung mit Gott. Sie glaubten, sie könnten wie Eliah und Johannes der Täufer in der Einsamkeit den Kampf mit dem Teufel bestehen. Pater Klaus reflektierte darüber, was die Wörter „Wüste, Wiederkunft, mit dem Teufel kämpfen“ dem heutigen Menschen sagen. Realistisch bedeute Wüste, dort gebe es keine Ablenkung. Die therapeutische Sicht sei, der Glaube an die heilige Gegenwart Gottes bekämpfe den Teufel. Nichts solle der Mensch verdrängen, auch nicht seine Sexualität, sondern er solle alles in die Wirklichkeit Gottes stellen.

In Ägypten entstanden Männer- und Frauenklöster, die eine Klosterregel hatten. Im Abendland gründete der hl. Johannes Cassian 415 ein Kloster für Männer und Frauen. Er brachte die Erfahrungen der Klöster Ägyptens und Syriens in seine Ordensregel ein. Diese Regula mit Zitaten aus dem Ersten und Neuen Testament als christliche Lebensanweisungen und die Tradition der iroschottischen Mönche bildeten die Grundlage der Regula des hl. Benedikt, die sich im Abendland durchsetzte. Im byzantinischen Bereich bestimmt die Regel des hl. Basilius das Klosterleben.


Aspekte der Regel für heute

1. Vom Hören
Der Prolog, der mit den Worten „Höre, mein Sohn, auf die Worte des Meisters“ beginnt, lässt offen, ob mit „Meister“ die Hl. Schrift oder Christus gemeint ist. Die Anrede erinnert an die Worte Jahwes an sein Volk: „Höre, Israel“, die im Ersten Testament überliefert sind. „Hören“ meint ganzheitliches, leiblich-seelisches Verstehen. Es ist ein Bewusstwerden, ein Innewerden, und bedeutet „einfühlen, aufmerksam und neugierig sein“. Es bedeutet Beziehung aufbauen ohne Bedingung, den anderen gelten lassen, wie er ist. Das ist Glaubenskonzept. Das gilt auch für die eheliche und nachbarliche Beziehung. Begegnung bedeutet, im Abt, im Mitbruder und im Nächsten Christus zu sehen. Begegnung in diesem Sinne kann nur geschehen, wenn die Beziehung zu sich selbst respektvoll, achtsam ist. Die geschieht in der Erfahrung der göttlichen Transzendenz.

2. Gehorsam
Gehorsam kommt vom Hören und soll zur Begegnungsfähigkeit führen. Auch der Abt ist Hörender wie sein Mitbruder. Bedingungsloser Gehorsam kann zu Machtmissbrauch und Willkür führen.

3. Schweigsamkeit
„Beim vielen Reden bleibt die Sünde nicht aus“, heißt es in der Regel, und „Tod und Leben stehen in der Macht der Zunge“. Über Sein und Nichtsein entscheidet das Reden, deswegen kommt der Schweigsamkeit eine große Bedeutung zu. Gemeint ist aber nicht die Verweigerung, das wäre das Gegenteil.

4. Demut
Diese Haltung nimmt einen breiten, wichtigen Raum in der Regel ein. Zwölf Stufen der Demut sollen Abt und Mönche erklimmen, um zur vollendeten Gottesliebe zu gelangen. Denn es heißt in der Bibel„ …wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“ Selbsterhöhung bedeutet Stolz. Wie die Jakobsleiter bedeuten die Stufen der Demut Spiritualität. Es meint Mut zum Dienen, sich selbst zurücknehmen, für andere da sein. Gemeint ist aber nicht, sich zu gering einschätzen. Demütig sein heißt: zufrieden und gelassen sein, die Dinge nehmen, wie sie sind, da alles seinen Sinn hat. Dann kann Gott ins Herz einkehren, und der Mensch muss nicht mehr in der Furcht sein.

Pater Klaus ging auf die Ängste der Menschen in unserer Zeit ein: Angst um sich selbst, Angst vor Verlust, Angst um die Finanzen, Angst vor dem Alter. Er stellte als Fazit die Frage: „Wie komme ich hinein in ein angstfreies Leben, in ein weites Herz?“ Dies war seine Antwort: Die Regel ist Schule, ist Weg, dazu gehört auch das Fehlermachen. Oder mit einem neu entdeckten Wort: Es geht um die Achtsamkeit des Lebens.

Ursula Koch