Die 50er Jahre, das war doch erst (Teil II)

 Wo man Bananeneis schlecken konnte

Anni Härtl am 3. April 2013

Ihren Altstadt-Geschichten lauscht man gern, denn Gästeführerin Anni Härtl erzählt Episoden und Anekdoten zur Geschichte der Altstadt in den 50er-Jahren anschaulich und amüsant. Bei dieser Veranstaltung nahm sie die Besucher auf einen gedanklichen Rundgang mit in die Pfarrstraße, ins Rößlergassl, auf den Pfarrplatz, dann in die Wieningerstraße mit dem Hubergasserl und zurück, am Kirchgasserl vorbei, zum Ausgangspunkt Widerstandsplatz.  
Man staunte, wie viele verschiedene Geschäfte in diesem kleinen Bereich angesiedelt waren. Es gab ein „gut sortiertes“ Kaufhaus mit einer großen Kurzwarenabteilung. Schulranzen, Geldbeutel und Handtaschen kaufte man in einer Sattlerei, wo Matratzen aufgepolstert wurden. Im Milchladen besorgte man sich frische Milch, Butter und Eier vom Land. Milch verkaufte aber auch ein Landwirt in seinem kleinen Laden, allerdings erst nach 20 Uhr. Lebensmittel erstand man in einem Kolonialwarengeschäft, Obst und Gemüse auf dem Markt am Floriansbrunnen, der Wasser aus einem großen Becken zum Besprengen von Blumen und Gemüse bereithielt. Niedergelassen waren eine Seilerei, ein Kerzengeschäft, eine Spenglerei, ein Laden für Fischfutter und Fische, wo ein Goldfisch 50 Pfennige kostete. Beim Limonadenhersteller mit gutem Weinkeller holte sich die Hausfrau in den mitgebrachten Flaschen Essig und Kirschwasser für die damals in Mode gekommene Schwarzwälder Kirschtorte. Dreimal in der Woche wurde der Dachauer Volksbote aus der Druckerei geliefert. In einem Hinterhof, wo eine Kuh gehalten wurde, standen im Winter die Christbäume, im Sommer war eine Schießbude aufgebaut. Der Kaminkehrer wohnte in einem stattlichen Haus mit Garten. Ein Schuster, ein Schneidermeister, ein Glaser und ein Glasmaler und zugleich Graveur betrieben ihr Handwerk. Man kehrte in ein Café ein, ließ sich an den kleinen Bistrotischen oder auf einem Ledersofa nieder und genoss das feine Bananeneis, das eine Rarität war.

Interessante Leute wohnten in der Altstadt: eine Malerin mit ihrem Blumengärtchen, die mit ihren Blumenbildern Arztrechnungen bezahlte und die Care-Pakete aus England erhielt mit dem begehrten Kaffee, der nach drei Tagen verkostet war, ein Musiker, der das Christkindlanblasen vom Turm der Jakobskirche initiierte, eine Volksschauspielerin, die „Unser Fähnlein ist weiß und blau“ sang. Drei Drittordensschwestern wohnten hier. Sie waren zuständig für die häusliche Pflege, berieten die Mütter und sollen so manche Ehe gestiftet haben. Die Häuser waren offen, man ging durch den Gang hindurch zur nächsten Gasse, die Fenster vom Wohnzimmer waren zur Straße gerichtet. So wussten die Leute, wer wo und was einkaufte, wer einen Chauffeur hatte oder wer zum Bier die mitgebrachte Semmel aß.

So kursierten schnell Klatsch und Geschichten. Sie wurden weitergegeben, und beim Vortrag von Anni Härtl konnte man noch einmal darüber mitreden und schmunzeln.

Ursula Koch