Vortrag zur Ökumene: „Christliche Spiritualität als einendes Band zwischen den Konfessionen.“

 
"Wie viele Wege führen zu Gott?", fragte im Jahr 1996 der Journalist Peter Seewald den (Noch-)Kardinal Joseph Ratzinger. Der Kleriker verblüffte den Zeitungsmann damals mit der seither oft und gern kolportierten Auskunft: "So viele, wie es Menschen gibt."

Mit obiger Anekdote eröffnete Dr. Florian Schuppe, Fachbereichsleiter Ökumene im Erzbischöflichen Ordinariat in München, den Vortrag im Pfarrgarten von Mariä Himmelfahrt. Sein Thema am 15. Mai 2013 lautete: „Christliche Spiritualität als einendes Band zwischen den Konfessionen.“

Wir stehen vor einem Generationenwechsel. Eine ganze Generation hat beim Ökumeneaufbruch nach dem Konzil mit den Entwicklungen mitgefiebert. Jene Generation hat die Ökumene all die Jahre mit Herzblut mitgetragen. Aber diese Generation will nun das Thema an die nächste Altersgruppe übergeben, wird es weitergeben freilich mit einer etwas veränderten Fragestellung. Im Kern steht für viele jetzt nämlich die Frage: „Wo erlebe ich ‚authentisch gelebte Spiritualität‘?“ Ökumene fängt lt. Dr. Schuppe unbedingt an mit einem gewissen Quantum Demut. Ökumene verlangt die Bekehrung des Herzens. Ökumene fordert Bereitschaft, von der eigenen Tradition einen Schritt zurückzutreten. Dann kann man sich gemeinsam auf den Weg zu Gott begeben.

Es ist wichtig für das Zusammenkommen der Kirchen, dass man immer wieder spürt: Wir haben eine gemeinsame Mitte, meint Florian Schuppe. Wir leben unseren Glauben in unterschiedlichen Formen, und diese Vielfalt ist auch eine große Bereicherung. Wichtig ist, dass wir immer wieder das Wesentliche im Auge behalten: Gemeinsam verkünden wir Jesus Christus und Gott.
 
 
Welche Impulse aus den christlichen Konfessionen könnten für die nächste Generation in der Ökumene gute Wege aufschließen? Ein paar Beispiele aus den Erläuterungen von Florian Schuppe (auf dem Foto 2.v.r.) dazu: Aus der katholischen Tradition sind wertvoll der Brauch des Stundengebets und die Bereitschaft, sich Auszeiten für Exerzitien zu nehmen; denn Katholiken wollen gemeinsam „unterwegs sein“. Aus der lutherischen Lehre ist einiges von den reformatorischen Anliegen längst in den katholischen Alltag integriert worden. Geschätzt wird ansonsten der Umgang mit dem Reichtum, mit der Fülle der Heiligen Schrift. Und die Kostbarkeit der schönen Kirchenlieder ist unbestritten. Aus der Orthodoxie kommen deren ureigene Botschafter, nämlich die Ikonen. Sie sind Gebetsbegleiter. In den langen Herzensgebeten macht sich der gläubige Sünder bereitwillig „klein“. Die „Freikirchler“ beeindrucken durch ihre ausgesprochen persönliche Hinwendung zum Anderen, besonders zu Neulingen, und sie zeichnen sich aus durch die Vermittlung des starken Zusammengehörigkeitsgefühls. Auch pflegen sie das frei formulierte Gebet und beten mit der sicheren Überzeugung, dass Gott gegenwärtig ist und dass das Gebet etwas verändern kann.

Für Dr. Schuppe ist die lokale Ebene eine ganz wichtiger Ansatzpunkt. Ökumene ist umso tragfähiger, je stärker die Netzwerke sind, die sich engagieren, gerade vor Ort. Das ökumenische Zusammenkommen läuft immer über konkrete Personen, die miteinander in Kontakt treten, die einander erzählen von dem, was ihnen wichtig ist in ihrem Glauben. Und die auch an den Punkten, wo man noch nicht eins ist, miteinander suchen, wo und wie Lösungen erreichbar sind. Und das gilt nicht bloß für die Ebene „vor Ort“ in den Gemeinden, das gilt genauso auch für die Ebene der Diözesen und für die Ebene in Rom (siehe die Links unten). Ökumene ist ein Wechselspiel. Nur miteinander wird es gelingen, Ökumene am Leben zu halten.

In der anschließenden Aussprache standen zwei Dachauer Projekte im Vordergrund, die den Anwesenden sehr am Herzen liegen. [1.] Großer Wertschätzung erfreut sich das Taizégebet mit den wundervollen Gesängen, zu dem im Winterhalbjahr sonntags um 19 Uhr in die Friedenskirche eingeladen wird. Es wurde anfänglich in der kleinen Kirche St. Johann tatsächlich ökumenisch betrieben. Derzeit sind zwar nur noch evangelische Leiterinnen und Leiter im Einsatz, aber wenigstens als Musiker beteiligen sich auch andere. [2.] Regelmäßig gibt es ansonsten im Bereich Dachau-Süd und Dachau Unterer Markt nur ökumenische Kleinkindergottesdienste. Allerdings bedeutet hierbei „ökumenisch“ lediglich, dass man sich gegenseitig einlädt. Die Gestaltung liegt jedes Mal nur in der Hand entweder der Evangelisch-Lutherischen Friedenskirche oder der Römisch-Katholischen Pfarrei von Mariä Himmelfahrt. Könnte sich hierin möglicherweise etwas bewegen?

"Wie viele Wege führen zu Gott?", zitierte Florian Schuppe eingangs die Frage des Journalisten. Der Evangelist Johannes (Joh 14,6) lässt Jesus auf eine ähnliche Frage eine ganz andere Antwort geben als Kardinal Ratzinger, nämlich: "Ich bin der Weg […]; niemand kommt zum Vater außer durch mich." Und damit wäre von dieser Seite her aller denkbaren menschlichen Haarspalterei wohl eine klare Grenze gesetzt.
Dieter Reinke
 
Diese Veranstaltung wurde fortgesetzt am 16. Juli 2014, wieder im Pfarrgarten bei Mariä Himmelfahrt.
Dr. Florian Schuppe sprach am 16.07.2014 zum Thema: "Martin Luther - ein Reformer auch für Katholiken?"
 
 

 

Einige ausgewählte Links zu den im Artikel oben genannten drei Ebenen:                      

www.pv-dachau-st-jakob.de/index.php?page=267


http://www.pv-dachau-st-jakob.de/index.php?page=309

http://www.mh-dachau.de/index.php?page=450

http://www.mh-dachau.de/index.php?page=447

http://de.wikipedia.org/wiki/Iona_Community

http://www.erzbistum-muenchen.de/Page026842.aspx

http://www.projekt-spurenleger.de/

http://www.vatican.va/roman_curia/pontifical_councils
/chrstuni/index_ge.htm
Foto: Taizégebet in der Dachauer Friedenskirche