100 Jahre Lokalbahn Dachau-Altomünster

 Sabine Hermann am 5. Juni 2013

„Zu Fuß oder mit der Kutsche gelangte man früher an einen anderen Ort. Denn das erste Auto war erst 1889 in Dachau unterwegs“. Mit dieser Feststellung begann die Dachauer Gästeführerin Sabine Hermann ihren vergnüglichen Vortrag. Bilder und Zeitungsausschnitte zur Geschichte der Lokalbahn ergänzten ihre Ausführungen anschaulich. Die Referentin wies darauf hin, dass in Altomünster die Vorbereitungen für das 100-jährige Jubiläum im Herbst bereits im Gange seien.
1864 begannen die Planungen für eine Bahnstecke, die das nördliche Hinterland mit der Landeshauptstadt verbinden sollte. Und es dauerte fast 60 Jahre, bis  am  30.09.1913 der erste Zug, angetrieben von einer Dampflok, mit Bauarbeitern in Altomünster einfuhr.
Es gab ein langes Gerangel um die Streckenführung. Zuerst sollte eine Linie von München über Dachau, Altomünster und Schrobenhausen bis Ingolstadt führen. 1867 wurde dann die Strecke von München über Dachau nach Ingolstadt gebaut, ohne Station Altomünster. Viele Altomünsterer waren sehr enttäuscht – im Gegensatz zur negativen Einstellung anderer Zeitgenossen. Diese sahen in der Bahn ein Ungetüm, das nur „dampft, raucht und kracht“. Angst wurde von den neidischen Fuhrleuten geschürt mit Parolen wie „die Milch wird sauer, die Kühe werden krank“. Gar eine neue Krankheit würde auftreten, das „delirium furiosum“.

   
 Streckenvarianten vor 1913  "Glaskastl" (Erste Lokomotive der Lokalbahn)

In Dachau war Franz Mondrion, der Herausgeber der Zeitung „Amperbote“, ein glühender Verfechter des neuen Beförderungsmittels. Mit dem Dachauer Zimmermeister Anton Mayr gründete er das Eisenbahn-Comité Dachau - Altomünster. Eine Aschaffenburger Baufirma wurde mit der technischen Ausführung beauftragt. Die Schienen sollten von Dachau über Webling, Bachern und Schwabhausen laufen. Indersdorf sollte nicht angebunden werden, denn das hätte einen großen Umweg bedeutet. Das verärgerte die Indersdorfer, und es entbrannte ein jahrelanger Zeitungskrieg zwischen dem dortigen „Glonntalboten“ und dem „Amperboten“. Die Indersdorfer kämpften weiter bei der Regierung um einen Anschluss an die Bahnstrecke München-Ingolstadt. Schließlich gab Prinzregent Luitpold dem Antrag statt, aber er gab den Ausschlag für eine andere Lösung.
Wegen der Rezession musste die Baufirma die Konzession um 1900 zurückgeben. Franz Mondrion gab nicht auf, und die Indersdorfer wurden in München vom Superior des Mutterhauses der Indersdorfer Barmherzigen Schwestern unterstützt. 1907 beschloss das Verkehrsministerium die Streckenführung nach Altomünster über Indersdorf.
Seither schlängelt sich die Bahn durch das Dachauer Hinterland. Sie legt eine Strecke von 29,89 km zurück mit einem Umweg von ca. 7 km. Anfangs war sie 1 Std. 45 Min. unterwegs. Deswegen war ein belustigendes Schild angebracht „Blumenpflücken während der Fahrt verboten“. Die lange Fahrzeit war nicht nur eine Folge der niedrigen Geschwindigkeit von 30 km/h, sondern an den Haltepunkten wurden Kohle, Baustoffe, Mehl, Bier und Futtermittel ausgeladen. Beladen wurde der Zug mit Getreide, Milch, Käse und Holz für München.
Die Referentin machte zu den jeweiligen Stationen interessante und humorvolle Anmerkungen. Die erste Station Breitenau war die Milchstation.Zwischen Bachern und Schwabhausen musste die „Bockerlbahn“ die höchste Steigung überwinden, das war eine Herausforderung für die Heizer. „Kracherl“ ,und „Guatl“ sollten die Heizer und Eisenbahner stärken für die Weiterfahrt. Aber diese bevorzugten das Bier. In Schwabhausen blieb einmal der Schaffner zurück. Der Zug wartete in Niederroth eine Viertelstunde und fuhr dann weiter. Der Schaffner musste dann zu Fuß nach Indersdorf weitergehen. Dort wurde auch das Wasser für die Dampflok nachgefüllt. Die Strecke war eingleisig. Deswegen blieb die Bahn in Indersdorf eine Weile stehen, bis der entgegenkommende Zug vorbeigefahren war.
Großen Einfluss auf den Fahrplan hatte der ortsansässige Pfarrer. Sogar „Humusbahn“ hieß der Bummelzug, denn er transportierte Erde vom Hinterland für den Botanischen Garten in München. Von Franz Eder stammt die Bezeichnung „Hamstererzug“, weil die Münchner sich im Hinterland mit Lebensmitteln eindeckten. Eder erzählte die lustige Anekdote von einer Frau aus München, die unter ihrem Busen sich mit einem Sackerl Mehl aufgepolstert hatte.
Die „Bockerlbahn“ war das griffige Sujet für Bild und Wort. Hermann Stockmann machte sich mit Karikaturen lustig über die Geschwindigkeit des modernen Fortbewegungsmittels. Der Amperbote würdigte in einer Sonderausgabe die Segnungen der neuen Bahn. Ludwig Thoma, der mit seinem Künstlerfreund Ignaz Taschner im Hinterland auf die Jagd ging, beschrieb die Gegend und ihre Bewohner mit ihrer „derb zugreifenden altbayerischen Lebensfreude“. „Die Lokalbahn“(Titel eines seiner frühen Werke), die durch das „Glonntal tuckert“, fand Eingang in seinen Roman „Der Ruepp“.

Ursula Koch
 
  Altomünster 1913