1863 bis 2013 - Die Kolpingsfamilie Dachau St. Jakob konnte ihren 150. Geburtstag feiern


 
Der Selige Adolph Kolping (1813-1865) stammte aus einfachsten Verhältnissen und erlebte die sozialen Umwälzungen um die Mitte des 19. Jahrhunderts am eigenen Leib. Er sah die klassischen Handwerksbetriebe in den Verfall abgleiten, sie konnten mit der technischen Fortentwicklung nicht gleichziehen. Mit den Veränderungen zerbrachen auch die althergebrachten Beziehungen zwischen den Meistern und ihren Gesellen. Handwerksgesellen, die vorher im Haus des Meisters Familienanschluss hatten, verloren den stabilen sozialen Halt. Und die Fabriken in den Ballungsräumen sogen jetzt massenhaft Menschen als billige Arbeitskräfte an. Der Wunsch, diesen Gedemütigten, den "Proletariern", zu helfen, führte Adolph Kolping zu dem Entschluss, Priester zu werden.
 
 
Als Kaplan lernte er den von dem Hauptlehrer Johann Gregor Breuer gegründeten „Gesellenverein“ kennen und wurde 1847 dessen Präses. Solch ein Zusammenschluss von Gleichgesinnten erschien Kolping fortan als das zweckmäßigste Mittel zur Bewältigung persönlicher Nöte und sozialer Probleme unter den Handwerksburschen. 1849 gründete Adolph Kolping den „Katholischen Gesellenverein“ in Köln. Im Gegensatz zu Karl Marx, der zur gleichen Zeit die soziale Not durch klassenkämpferische Solidarität beseitigen wollte, rief Kolping die Menschen auf, sich auf den Wert von Familie, Beruf, Kirche und Staat neu zu besinnen. 
 

Kolping hat die damalige soziale Realität klar durchschaut und beschrieben und all die Missstände beim Namen genannt. Vor allem aber hat er eines bewirkt: Mit der Verbreitung der Gesellenvereine hat er die massenhaft Verarmten „aus ihrem Randdasein herausgeholt und ihnen durch Bildung, Gemeinschaft und ein christliches Menschenbild einen Rahmen gegeben, der sie erfahren ließ, was es heißt, als mündige Christen ihre menschliche Würde leben zu dürfen“, resümiert Präses P. Klaus Spiegel OSB. 1991 wurde Adolph Kolping seliggesprochen. Im Dezember 2013 wird seines 200. Geburtstages gedacht.
 

 
Noch zu Lebzeiten Kolpings, im September 1863, gründete H.H. Josef Bapt. Spagl, damals Frühmessbenefiziat in St. Jakob, den „Kath. Gesellenverein Dachau.“ Am 26. September 1863 erhielt der Kath. Gesellenverein Dachau das Aufnahmedokument in den Zentralverein München mit folgendem Begleitbrief vom Zentralpräses Gg. Mayr: "Übrigens wünsche ich Ihnen Glück und Segen zu dem schweren aber schönen Werk, das Sie übernommen [haben], wünsche Ausdauer und Liebe und immer unerschöpfliche Liebe; dann geht alles gut; dies aber braucht man zuerst und immer." Der neugegründete Verein zählte 31 Mitglieder. Bis Ende Dezember erhöhte sich die Zahl der ordentlichen Mitglieder auf 50 und die der Ehrenmitglieder auf 33. Die Geschichte der Dachauer Kolpingsfamilie ist dieser Tage in einer Festschrift mit zahlreichen Fotos ausführlich dargestellt worden. Am 21. Juli 2013 konnte die Kolpingsfamilie Dachau St. Jakob ihren 150. Geburtstag feiern. Im Festgottesdienst in St. Jakob, dem der Diözesan- und Landespräses Msgr. Christoph Huber vorstand und in dem die Chorgemeinschaft Dachau unter Rudolf Forche mitwirkte, waren Dekan Geistlicher Rat Wolfgang Borm und Pater Klaus Spiegel OSB die Konzelebranten. Die Chorgemeinschaft war 1952 von Mitgliedern der Kolpingsfamilie gegründet worden. Während der Eucharistiefeier, an der auch zahlreiche auswärtige Kolpingabordnungen teilnahmen, wurde die neue Vereinsfahne gesegnet.
 
 
 

Der Predigt von Msgr. Huber lag der Text aus dem Evangelium nach Lukas 10, 38-42 zu Grunde. Eine Frau namens Maria setzte sich demnach dem Herrn zu Füßen und hörte seinen Worten zu. Deren Schwester Marta aber beklagte sich hierüber, weil sie deswegen alle Arbeit allein tun musste. Der Herr antwortete ihr: „Maria hat das Bessere gewählt, das soll ihr nicht genommen werden.“ Für echte Kolpinger sei bloßes Hinhören auf das Evangelium natürlich noch nicht die Erfüllung ihrer Aufgabe. Man muss auch „hinlangen“. Adolph Kolping hat auf die Stimme Gottes gehört und ist unter Entbehrungen Priester geworden. Er hat immer wieder hingehört; er wollte herausfinden: Was will Gott von mir? Und er hat gespürt, dass die Stimme Gottes verlangte, er solle sich einsetzen für die, die seine Hilfe brauchen. Kolpings Erkenntnis gilt als Ratschlag noch heute: „Die Nöte der Zeit sollen euch lehren, was zu tun ist.“ Der erste wichtige Schritt, sagte Huber, bestehe dann darin, nun auch den Menschen zuzuhören. Das sei heute dringend notwendig – ganz besonders gegenüber der Jugend.
 
 
 
 
Im Anschluss lud der 1. Vorsitzende Josef Schmid zum Festakt ins Ludwig-Thoma-Haus – zu den Grußworten und zu dem Festvortrag von Dr. Thomas Goppel MdL mit dem Thema: »Adolph Kolping – ein zeitloses Ideal feiert Geburtstag.«

Das Thomahaus ist für die Dachauer Kolpingsfamilie ein historischer Ort. Denn der Katholische Gesellenverein hatte 1917 das Wirtssaalgebäude der Gaststätte Unterbräu, das heutige Ludwig-Thoma-Haus, erworben und zum Vereinsheim ausgebaut. Dieses entwickelte sich zum Mittelpunkt des Katholischen Vereinslebens in Dachau und bot reichlich Platz für Vorträge, gesellige Veranstaltungen, Bälle, Konzerte und Theateraufführungen. 1928 wurden im Dachgeschoss Schlafplätze und ein Aufenthaltsraum für durchreisende Gesellen geschaffen. Unter politischem Druck durch die Nazis wurde das Haus jedoch 1934 aufgegeben. Aber 1952 konnte mit dem Jugendheim (Gröbenrieder Straße 13) wieder ein eigenes Vereinsheim eröffnet werden.
 
Für Dr. Goppel, den Aufsichtsratsvorsitzenden beim Kolping-Bildungswerk Bayern, kommt die Idee der Integration der Schwächeren in die Gesellschaft nach nunmehr gut 150 Jahren zwar „in die Jahre“, ist aber deswegen nicht „überaltert“ sondern wird eher "reifer". Sie lässt sich zeitgemäß fortentwickeln. Kolpings Modell ist ein lernendes Modell. Adolph Kolping holt ohnehin die unterschiedlichsten Gruppen unter seinen "Schirm". Die Ideologien des Liberalismus, des Sozialismus, des Kapitalismus und des Nationalismus seien längst gescheitert. Die katholische Soziallehre von 1891 unter Papst Leo XIII. hat Gedanken von Kolping aufgenommen. Nicht ein System steht im Mittelpunkt, sondern der Mensch. Gefragt sind Menschen, die etwas geben können. Sie sollen zupacken, nicht belehren oder Anweisungen geben. Der Andere wird in seiner Andersartigkeit ernst genommen. Zum Leitbild des Kolpingwerks zählen:

Personalität – Die Kolpinger orientieren sich am Menschen; der Mensch ist Mitte und Ziel allen Handelns.
Solidarität – Bei allem Handeln sind immer die Bedürfnisse der schwächsten Glieder der Gesellschaft zu berücksichtigen.
Subsidiarität – Die Gemeinschaft hilft dem Einzelnen bei der Erfüllung der Aufgaben dann, wenn die Aufgaben die Kräfte des Einzelnen übersteigen.
Gemeinwohl – Alle haben gleiche Rechte und Pflichten; der Nutzen für die gesamte Gesellschaft hat bei Entscheidungen Vorrang vor der Befriedigung von Einzelinteressen.
Nachhaltigkeit – Die Verantwortung für die kommenden Generationen erfordert einen gewissenhaften Umgang mit den Lebensgrundlagen dieser Welt.
 
 
Im Foyer des Thomahauses war eine großartige, liebevoll gestaltete Ausstellung zu bewundern. Zu sehen waren Erinnerungsstücke aus der Geschichte der Kolpingsfamilie Dachau St. Jakob. Und Schautafeln informierten über die Aktivitäten des Kolpingwerks weltweit.
 
Auch der Kath. Frauenbund hat sich an der Feier der Kolpingsfamilie beteiligt und uns durch Lydia Grain die folgenden drei Fotos geschickt. 1. Christine Siemens zieht mit der Frauenbundfahne in die St. Jakobskirche ein. 2. Christine und Andreas Siemens (er ist gelernter Konditor) präsentieren passend zur Feier "150 Jahre Kolpings-Familie Dachau" die wunderschön gestaltete Torte. 3. Der Frauenbund wollte auch einen Beitrag zum Fest leisten und hat daher als Spende angeboten, für einen süßen Abschluss des Tages zu sorgen. Sophie Nauderer gratulierte der Kolpingsfamilie herzlichst und wünschte ihr, was man jeder guten Familie wünscht: „Kinder, die weitermachen“, sprich „zahlreichen Nachwuchs“ für die Kolpingsfamilie.
 
 
 


Adolph Kolpings Werk lebt weiter – in Dachau, in Deutschland, in der ganzen Welt. In über 60 Ländern entstanden nahezu 6.000 Kolpingsfamilien mit rund 450.000 Mitgliedern. Seit 1930 verwenden die Kolpingmitglieder untereinander den Gruß "Treu Kolping!", den sie mit "Kolping treu!" erwidern. Und mit "Treu Kolping" meinen sie: „Wir stehen zu Adolph Kolping und seinem Werk, und wir stehen zueinander.“ Die Dachauer Kolpingsfamilie hat derzeit rund 50 Mitglieder; sie wird geleitet von Präses Pater Klaus Spiegel OSB sowie ihrem 1. Vorsitzenden Josef Schmid.
 
Die Kolpingsfamilien sehen sich heute als ein soziales Netzwerk, das gekennzeichnet ist von der Fürsorge und der Verantwortung der Mitglieder füreinander. "Wir verstehen uns als Weg-, Glaubens-, Bildungs- und Aktionsgemeinschaft. Als Teil der Zivilgesellschaft gestalten und prägen Kolpingsfamilien das Gemeindebild und die Lebensverhältnisse der Menschen. Mit dem Motto »Verantwortlich leben, solidarisch handeln« haben wir als Verband die Zielsetzung Adolph Kolpings aufgegriffen, uns als gute Christen in Familie, Beruf und Arbeitswelt, Staat und Gesellschaft zu bewähren."
 
Dieter Reinke
Für das Titelbild der Festschrift (siehe 6. Bild von oben)
geht ein herzlicher Dank an Herrn Bruno Schachtner.