Malweiber? Dachauer Künstlerinnen

Dr. phil. Birgitta Unger-Richter am 2.Oktober 2013


   

Sie trugen einen Malkittel über ihren langen Kleidern, einen großen Hut gegen die Sonnenstrahlen und ihre Malausrüstung. So ausgestattet zogen sie in die Dachauer Landschaft, an die Amper und in das Moos. „Malweiber“ nannte die Bevölkerung despektierlich die Künstlerinnen, die es zur Malerei en plein air (unter freiem Himmel) in den berühmten Künstlerort Dachau zog. Die Kreisheimatpflegerin Dr. phil. Birgitta Unger- Richter zeigte eine Schwarzweißfotografie mit Dachauer Malerinnen, die 1906 in der Berliner Zeitung erschienen war. Das Bild war der Einstieg in ihren spannenden, sehr informativen Vortrag über individuelle Künstlerinnen mit unterschiedlichem Lebenslauf. Alle hatten es schwer, ihren Berufswunsch zu verwirklichen, standen sie doch in Konkurrenz zu den männlichen Künstlern. Von vielen weiß man heute den Namen nicht mehr. Karikaturen, wie im „Simplicissimus“, zeigten sie verbiestert, hässlich und unattraktiv, heiratswütig oder ohne Talent, und man sagte ihnen ein wildes Leben in der Münchner Bohème nach.

Sehr angesehen waren die künstlerisch tätigen Frauen im Mittelalter. In den Klöstern zeigten sie ihr Können bei Stickereien, Tapisserien, Buchmalereien und in der Kalligrafie. In der Renaissance gab es ebenso künstlerisch individuell ausgebildete Frauen. Von der Malerin Marie Ellenrieder weiß man, dass sie ab 1813 ein 6-jähriges Studium an der Kunstakademie in München absolvierte. Im späten 19. Jh. waren Frauen an der Akademie nicht mehr zugelassen. In den privaten Künstlervereinen zahlten sie für eine professionelle Ausbildung ein Vielfaches mehr als die männlichen Kollegen. Aktzeichnen war auch für sie damals Pflicht, aber es war ihnen trotzdem verboten, und nur halbbekleidete Modelle standen zur Verfügung.

Eine attraktive Alternative waren in Dachau die Malschulen von Hans von Hayek und Adolf Hölzel. Die größte und gewinnträchtigste war die von Hölzel. Eine seiner Schülerinnen war die später berühmt gewordene Ida Kerkovius. Sie stammte aus einer Gutsbesitzerfamilie in Riga und hatte ein Diplom für Kunstunterricht. Sie löste sich aber mit ihrer Pastellmalerei von Hölzls Kunstauffassung und zog nach Berlin und Stuttgart. Dort assistierte sie ihrem Dachauer Lehrer bei seinen Glasgemälden.

Ganz eigenständig entwickelte Paula Wimmer ihre Malweise. Sie stammte aus einem großbürgerlichen Haushalt und konnte Studienreisen nach Rom, Florenz, Venedig und Paris unternehmen. Sie verlor später ihr elterliches Vermögen, fristete mit ihren geliebten Katzen ein kärgliches Dasein und schlug sich mit Auftragsarbeiten durch. Ihre beeindruckenden Bilder vom Dachauer Volksfest und vom Zirkus haben mit der Freiluftmalerei nichts zu tun.

   


In Dachau lebten einige künstlerisch tätige Ehepaare. Die Referentin zeigte ein bezauberndes Seerosenbild von Ottilie Palm Jost, einer emanzipierten, erfolgreichen Lehrerin aus Kanada. Die Malerin sah sich in Europa um und kam nach München. Sie heiratete Josef Jost und lebte mit ihm in Gröbenried, in dem heutigen Fischgut. Erwähnt sei u.a. das Künstlerpaar Walter und Clary Ruckteschell. Die Keramikerin gestaltete in Herrsching und ließ sich mit ihrem Mann auf das Abenteuer „Afrika“ ein. In Dachau stellte sie Gebrauchsgeschirr her.

Ottilie Thiemann-Stoedtner sah in der Bezeichnung „Malweiber“ eine Abwertung der Frau als Künstlerin.
Die Referentin bezieht ihre fundierten Kenntnisse zu diesem Thema aus ihrer Arbeit in der Dachauer Gemäldegalerie. Deswegen diskutiert sie kritisch mit den heutigen Dachauer „Malweibern“ deren Auffassung und Verständnis der historischen Situation der vorgestellten Künstlerinnen. Zum Schluss lud sie das kräftig applaudierende Publikum zur nächsten Ausstellung in der Gemäldegalerie ein.

Ursula Koch