Räuber Kneißl - Held oder Krimineller?

Zugerichtet - hergerichtet - hingerichtet

Rosemarie Schreiner am 6. November 2013

   

Hätte sein Lebensweg nicht anders verlaufen können, wenn der Hias nicht in einem Milieu von Armut, Hunger und Kriminalität aufgewachsen wäre? So fragten sich viele der Besucher am Ende der Veranstaltung.
Im vollbesetzten Pfarrsaal war Spannung und großes Interesse zu spüren, als Gästeführerin Rosemarie Schreiner ihren Vortrag begann. Mitreißend und kompetent entfaltete sie das Leben eines Mannes, der nur 26 Jahre alt wurde, und das sich wie ein Krimi entwickelte. Frau Schreiner betonte, dass es ihr um belegbare Fakten ginge und nicht um einen „Kneißl – Boom“, der romantisierend die Person Kneißl kommerziell ausschlachtet. Deswegen hatte sie im Hauptstaatsarchiv und in den Gerichtsakten recherchiert.

Die Geschichte begann im Dachauer Hinterland. Großvater Pascolini war Händler aus Venetien gewesen und hatte die Kramerstochter Klara Rabin aus Unterweikertshofen geheiratet. Eines ihrer beiden Kinder, die temperamentvolle Theres, „schwarze Res`“ genannt, vermählte sich mit Mathias, dem Sohn des Mesners Kneißl aus Randelsried. Das Ehepaar führte ein Wirtshaus in Unterweikertshofen. Zehn Kinder wurden dort geboren, davon starben fünf. Das wahrscheinliche Geburtsdatum des Sohnes Mathias ist der 12. Mai 1875. Zeugnisse aus seiner Schulzeit beschreiben ihn als unwillig, unfolgsam und als einen, der Harmonika spielen besser verstünde als das Lesen. Sogar die Empfehlung zur Unterbringung in einer Erziehungsanstalt wurde darin ausgesprochen. Das Wirtshaus wurde zu einem Umschlagplatz für dubiose Geschäfte und die Familie suchte schon bald nach einer unauffälligeren Bleibe. Mathias und seine Frau verkauften ihr Anwesen und die sieben Personen zogen in die abgelegene Schachermühle im Wald bei Sulzemoos. Diese diente bald als Unterschlupf für Kleinkriminelle. 1892 wurde die Wallfahrtskirche Herrgottsruh in Friedberg ausgeraubt und die Obrigkeit verdächtigte die Kneißls als Täter. Theres wollte das Diebesgut verkaufen und wurde so als Mitschuldige entlarvt. Die Polizei umstellte die Mühle. Vater Kneißl wollte fliehen, wurde aber gefasst und nach Dachau in das Gefängnis gebracht. Bei der Ankunft war er bereits tot, die Ursache ist unbekannt. Nun kam Mutter Theres in das Gefängnis.

Die Kinder mussten sich allein in der Schachermühle durchbringen und das konnte nicht gelingen. Ein behütetes, geregeltes Leben mit Gesetzen, die zu befolgen waren, kannten sie nicht. Sie besuchten die Sonntagsschule nicht und so kamen die Gendarmen. Der jüngere Bruder schoss auf einen der Polizisten und verletzte ihn schwer. 1893 wurden die beiden Jugendlichen verurteilt. Der 15 jährige Alois starb im Gefängnis. Der 17 jährige Mathias saß sechs Jahre ein und lernte den Schreinerberuf. Nach seiner Entlassung fand er Anstellung in einer Nussdorfer Schreinerei bei Rosenheim und sein Lebensweg hätte sich zum Guten wenden können. Aber der Schreinermeister wurde wegen seines „anrüchigen“ Gesellen angefeindet und entließ diesen.
Nun stand der junge Kneißl wieder da, ohne Arbeit, Geld und Perspektive. Mit seiner Lebensgefährtin Mathilde Danner wollte er zwar seinen Traum „Aufbruch nach Amerika“ verwirklichen, aber er hielt sich nur mit Diebstählen und Raubüberfällen über Wasser. Wieder sollte ihn die Gendarmarie festnehmen, als er nach einem Hühnerdiebstahl dem Bauerssohn in den Fuß schoss. Verraten hatte ihn der Flecklbauer, vermutlich wegen einer Aussicht auf eine Belohnung von 400 Mark. Kneißl schoss auf die Polizisten, einer starb sofort und der andere später. Nun wurde aus dem Kriminalfall eine Staatsaffäre und das Polizeiaufgebot wurde drastisch erhöht. Der Hias war ständig auf der Flucht. Viele Leute sahen in ihm keinen Verbrecher, sondern einen Mutigen, der sich von der unbeliebten Polizei, vielfach bestehend aus ehemaligen fränkischen Soldaten, nicht unterkriegen ließ. Aber er wurde trotzdem nach drei Monaten gefasst, weil die Mutter seiner Freundin das Versteck in Geisenhofen bei Maisach preisgab. Seine Verletzungen, verursacht durch einen 30 minütigen Beschuss seiner Unterkunft, wurden im Krankenhaus behandelt.

Das Gericht in Augsburg verurteilte ihn zum Tode. Am 21. Februar 1902 endete unter dem Fallbeil ein Leben, das auf die schiefe Ebene geraten war. Aus heutiger Sicht war der Richterspruch zwar juristisch korrekt aber nicht notwendig gewesen, weil man eine Tötungsabsicht nicht beweisen konnte. Deshalb ist das Todesurteil bis heute heftig umstritten.

Ob der Hias ein Held oder Krimineller war, konnte am Ende des Vortrags jeder Zuhörer für sich beantworten. Frau Schreiner hatte ihren Vortrag mit einer ziemlich fragwürdigen Kneißl-Ballade von dem Kabarettisten und Musiker Ringsgwandl begonnen und rundete ihre interessanten und abwägenden Ausführungen mit dem Unterweikertshofener Lied ab. Den verherrlichenden Geschichten, die heute noch in manchen Köpfen herumgeistern, erteilte sie aber eine klare Abfuhr.
Ursula Koch