Die Geschichte des Adventskalenders

Wolfgang Hartmann am 4.Dezember 2013

Ein adventlich gestalteter Pfarrsaal von St. Jakob stimmte auf die Veranstaltung am 4. Dezember 2013 ein. Zahlreiche Besucher konnten eine liebevoll zusammengestellte Ausstellung von verschiedenen Adventskalendern bewundern und an mit Zweigen, Nüssen und Äpfeln geschmückten Tischen weihnachtliche Leckereien genießen.
Der Referent Wolfgang Hartmann sammelt seit vielen Jahren Adventskalender und stellte die verschiedensten Ausgestaltungen in Bildern auf der großen Leinwand vor. Zunächst vermittelte er die Entstehungsgeschichte des ältesten Exemplars. Dieses nannte sich Weihnachtskalender und zählte nicht die vier Adventssonntage, sondern die Tage vom 1. Dezember bis zum 24. Dezember. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Idee dazu von evangelischer Seite entwickelt. .

Es ist überliefert, dass die Urform in einem Pfarrhaus in Baden Württemberg entstand, als der kleine Pastorensohn Gerhard Lang ungeduldig auf das Weihnachtsfest wartete. Seine Mutter legte 24 Gebäckstücke auf 24 Felder und belehrte den Buben über die Bedeutung der Vorbereitungszeit auf Weihnachten
Später, um 1900, hatte Gerhard Lang in München einen Verlag inne und ließ einen Kalender drucken, der auf dem häuslichen Vorbild basierte. Auf einen Karton war ein Blatt aufgeklebt, das in 24 Felder mit kleinen Gedichten eingeteilt war. Auf einem beigelegten Blatt waren passende Bilder aufgemalt, welche die Kinder ausschneiden und aufkleben konnten. Auf einem zweiten Blatt stand der Text, der sie moralisch über Englein, Knecht Ruprecht und das Christkind im Himmel instruierte. Der Kalender, als Zeitmesser auf Weihnachten zu, verbreitete sich schnell, und Gerhard Lang ersann in 30 Jahren über 40 verschiedene Ausführungen. Er ließ sich aber seine „Erfindungen“ nicht patentieren, geriet in finanzielle Not und musste seinen Verlag aufgeben.
Alle Adventskalender waren ursprünglich Zählkalender: Dazu dienten zum Beispiel weiße und für die Adventssonntage rote Kreidestriche an der Haustür, von denen jeden Tag einer weggewischt oder abgestrichen wurde. Eine andere Ausführung waren 24 Blätter, und die Kinder konnten jeden Tag ein Blatt abreißen. So wurden die Tage rückwärts gezählt. Auch gab es Himmelsleitern mit Stufen für jeden Tag, an denen das Christkind vom Himmel herabstieg. An Weihnachtsuhren las die Familie die Tage bis zum Fest ab. Kerzen mit 24 Markierungen brannten stückweise herunter. Es gab sogar Kalender, die bis zum Fest Heilige Drei Könige reichten. Kalender, auf denen man ein Türchen öffnen konnte, kamen später auf den Markt.
Form, Material und Größe der Adventskalender änderten sich. Besonders schön sind Häuschen oder Laternen, in denen eine Kerze die weihnachtlichen Motive in den Fenstern erleuchtet.
In der Zeit der Nazidiktatur verloren die Kalender ihren religiösen Hintergrund und wurden ideologisch umgedeutet: Backrezepte ohne Fett, Wintersonnwende und der Schimmelreiter waren atheistische Motive. Märchenbilder ersetzten die christliche Symbolik, deren Höhepunkt immer die Darstellung der Geburt Christi im Feld des 24. Dezembers gewesen war. Die Verweltlichung der Adventskalender nahm nach dem 2. Weltkrieg ihren Fortgang. Die Süßwarenindustrie entdeckte das Kind als Konsumenten. Aus dem Zählkalender wurde paradoxerweise ein Geschenkkalender mit Schokolade für jeden Tag. Gefüllt mit kleinen Aufmerksamkeiten werden 24 Taschen oder Nikolausmützen. Die Motive sind heutzutage sehr profan, da die Kalender weltweit verkauft werden und häufig als Werbung für internationale Firmen dienen. Für die Belebung des Weihnachtsgeschäftes lassen die Kaufhäuser hierzulande Heftchen drucken, in denen sie für jeden Tag im Dezember Rabatte bei einem vorbestimmten Einkauf anbieten. Darüber konnten die Zuhörer freilich nur unwillig den Kopf schütteln.

 

Aber daneben gibt es auch heute noch Adventskalender mit religiösen Aspekten: Eine Abbildung des Petersdomes in Rom ist mit Türchen ausgestattet, hinter denen Sprüche vom emeritierten Papst Benedikt XVI. zu lesen sind. Oder es sind kurze Meditationen des Benediktinerpaters Anselm Grün auf 24 Kärtchen gedruckt. Eine wunderschöne Idee ist es, Häuser mit 24 Fenstern adventlich zu gestalten. Herr Hartmann zeigte dazu ein Foto vom Rathaus in Aichach, das die Schulkinder als Adventskalender phantasievoll und vorweihnachtlich geschmückt hatten. Das abschließende Bild vom Dachauer Rathaus als Adventskalender zeigte dagegen nur virtuelle Fenster.
Mit großem Beifall dankte das Publikum Herrn Hartmann für seinen interessanten, vergnüglichen Vortrag, in dem er bei einer Anzahl von rund 100 Exemplaren auch solche Kalender vorstellte, die er selbst als stimmungsvoll und künstlerisch ansprechend gestaltet ansah. Sein Appell bleibt, nur solche zu kaufen oder zu basteln, die pastorale und pädagogische Qualität aufweisen.
Ursula Koch