Das Handwerk früher auf den Dörfern

„Auf d´Stör“ gehen

Rosmarie Henkel am 2. Juli 2014

„Vor 60 bis 80 Jahren gab es in Pipinsried, einem Ort mit 400 bis 500 Einwohnern im Landkreis Dachau, noch alle Handwerker, die für ein Dorf typisch waren“, so begann Rosemarie Henkel ihren Vortrag.

   Sie kennt sich in der Ortsgeschichte genau aus, weil sie auf einem Anwesen in Pipinsried aufgewachsen ist und den Dorfgeschichten schon immer gerne zugehört hatte. Sie zählte also auf: Zimmerer, Maurer, Schmied, Wagner, Weber, Hafner, Eierhändler, Sattler, Schuster, Schneider und vier Metzger, die in den Häusern schlachteten und als Nebenerwerb Landwirtschaft betrieben.
Dazu gab es „Nahderinnen“, die „auf d´Stör“ gingen“. Von deren Arbeit erzählt Rosmarie Henkel besonders gern, weil sie in der Schneiderei ihres Vaters das Nähen gelernt hat und selber auf die Stör gehen musste.
 
Welche Bedeutung hat dieser Begriff?
Er kommt von „stören“: Wenn die „Nahderin“ auf dem Hof des Kunden anwesend war, geriet der tägliche Ablauf durcheinander. Sie nahm die Stube in Beschlag, für sie wurde besonders gut gekocht, und echter Bohnenkaffee wurde aufgetischt. Die Näherinnen konnten ihre Arbeit nicht als Gewerbe anmelden und störten dadurch die strenge Zunftordnung. Statistisch waren sie nicht erfasst.

Was war nun die Arbeit einer „Nahderin“?
Schon um 7 Uhr, im Winter noch bei Dunkelheit, machte sie sich mit dem Fahrrad auf den Weg. Die Nähuntensilien waren auf dem Gepäckträger verstaut. Auf dem Hof durfte sie sich nicht umschauen, damit sie nicht ausplaudern konnte, wie es da ausschaute. Diese Arbeit wartete auf sie: Kleider umarbeiten, an den Männerhemden die Kragen erneuern, die Kleider für Braut, Brautmutter, Brautjungfern, Tanten, Großmutter, Mädchen und Buben schneidern. Dazu kamen Bettwäsche, Schürzen, Hemden, Vorhänge und ein Dirndl für die Aussteuer. Wenn die Leute vom Dorf zum „Sach Schaun“ bei der Hochzeiterin kamen, richtete die „Nahderin“ zuvor die Schränke. Da war sie Meisterin „im B`schiss“. Bis zu drei Wochen blieb sie auf dem Hof bei einer Bauernhochzeit.

Wer wurde Störnäherin?
Es waren Frauen, die nachgeboren, ledig oder verwitwet waren, oder ein körperliches Gebrechen hatten. Sie galten aber als Vertrauenspersonen, und man schüttete ihnen das Herz aus.

Frau Henkel hatte die Handnähmaschine ihres Vaters dabei und erzählte aus seinem harten Leben. Er war der Vierte von 12 Kindern, hatte Störnäher gelernt und in München die Meisterprüfung abgelegt. Ihr Vater war in ganz Deutschland zur Arbeit unterwegs. Für seine Ausbildung musste Frau Henkels armer Großvater Lehrgeld zahlen und als Maurer das Haus des Lehrherrn verputzen. Schon um 4.30 Uhr musste der Lehrbub, die Nähmaschine auf dem Rücken, mit dem Schneider aus dem Haus, damit sie auf den Höfen ein gutes Frühstück bekamen.

 Alte Fotos zeigen ihren Vater im zweiten Weltkrieg mit der Handnähmaschine. Als Schneider kämpfte er nicht an der Front, weil er Uniformen und Planen ausbessern musste. Diese Arbeit rettete ihm das Leben. Auch Frau Henkels Großtante war Näherin in Pipinsried, und von ihr hatte sie ein geschneidertes „Unterländer G`wand“ dabei, das von den vielen Zuhörerinnen sachkundig bewundert wurde.  

Gibt es heute noch Störnäherinnen?
   Mit dem Aufkommen von Versandhauskatalogen hörte das Störhandwerk auf. Rosmarie Henkel ging nicht mehr außer Haus, sondern nähte daheim. Mitte der 70er Jahre kam die Renaissance der „Dachauer Tracht“, und als Trachtenschneiderin erhielt sie ein besseres Einkommen. Heute näht die Referentin für das Theater, gibt Dirndlnähkurse und sammelt historische Kleider für ein Museum in Altomünster, das sie sich so sehr wünscht.
Der Vortrag war so anschaulich und authentisch, dass die zahlreichen Besucher sich in der kurzen Zwischenpause und danach angeregt unterhielten und eigene Erlebnisse austauschten.

Ursula Koch