Dachauer Geschichte

Von „Erchana“ bis „Albrecht“


Karin Schwenke am 4. November 2015


Vier Dachauer Straßennamen - Was steckt dahinter?




Karin Schwenke, Dachauer Gästeführerin und Bibliothekarin in der Bayerischen Staatsbibliothek, hielt einen interessanten Vortrag über wichtige Persönlichkeiten, nach denen vier Straßen im westlichen Teil von Dachau benannt wurden. Spaziert man den Himmelreichweg hinauf bis zum Stadtrand, so entdeckt man diese auf dem Weg dorthin.

1. Erchanastraße
In einer sog. Freisinger Tradition, einer Urkunde vom 15. August 805, ist dokumentiert, dass eine Frau namens Erchana „selbsterworbenes Besitztum, welches im Orte Dahauua gelegen ist“ der Freisinger Basilika schenkt. Mit ihrer erblichen Hinterlassenschaft übergibt sie fünf Leibeigene ihres Vaters Zazo. Neben den Kirchenpatronen Hl. Maria und Hl. Korbinian wird ein seliger Landebertus erwähnt. „Dahauua“ bedeutet, dass Erchana ein lehmiges Stück Land am Wasser besiedelt hatte. In diesem Dokument wird Dachau zum ersten Mal erwähnt.

   

Der frühe Name von Etzenhausen deutet auf Zazo, und dieser war ein Familienmitglied der dortigen adeligen Grundherren. Er gilt als der Vater von Erchana. Diese blieb unverheiratet und hatte keine Nachkommen. Sie lebte auf ihrem Herrenhof mit fünf Leibeigenen. In der Nähe stand eine Lambertikirche, die Erchana laut der Urkunde ebenfalls beschenkte. Dieses Kirchlein gilt als Vorgängerbau der heutigen Mitterndorfer Pfarrkirche St. Maria und St. Nikolaus. Der Name des Hl.Lambert war im Rheinland zur damaligen Zeit sehr verbreitet. Dies kann auf ihren Vater hinweisen, der dort am fränkischen Königshof eine gehobene Position innehatte.
Nach 805 kamen zum Herrenhof sechs Kolonenhöfe und eine Mühle dazu. Ein Jahrhundert später wurde das der Freisinger Domkirche vermachte Land zurückgetauscht. Nun vergrößerte sich der Besitz mit Ackerland, Wiesen und Wäldern. Für die folgenden 200 Jahre gibt es keine geschichtlichen Quellen.

 
2. Graf-Konrad-Straße
Eigentlich müsste diese Straße „Die Grafen-Konrad-Straße“ heißen, denn es waren Konrad I. und Konrad II, die von 1100 – 1182 für die Geschichte Dachaus wichtig sind.
Im 11. Jahrhundert gelangte der Besitz Dachau an die aufstrebenden Grafen von Scheyern, eine Nebenlinie der Wittelsbacher. Aus der ersten Ehe Ottos I. von Scheyern stammte Graf Arnold I. Er nannte sich Graf von Dachau und wählte sich Dachau als Burgplatz aus, vermutlich den Giglberg. Sein Sohn Konrad I. erbte Rechte und Besitz in Dachau. Mit ihm kam der Scheyerner Löwe in das Dachauer Wappen. Nach dem Tod seiner Frau trat er in das Benediktiner-Kloster von Scheyern bei Eisenhofen ein.
Konrad II. war wie sein Vater Anhänger der regierenden Welfen. Aber nun kamen die Staufer an die Macht. Bayern fiel an die Babenberger, aber die Welfen beanspruchten Bayern, und sie verwüsteten das Land. Der Staufer Friedrich Barbarossa wollte nun das Land für sich gewinnen. Konrad II. geriet in dessen Gefangenschaft. Gegen Lösegeld kam er wieder frei und wurde Anhänger des Staufers. Friedrich Barbarossa, nun König, verlieh Konrad II. den Titel eines Herzogs von Meranien, Dalmatien und Kroatien. Das Dachauer Grafengeschlecht hatte nun die größte Macht und den größten Besitz seit seinem Bestehen. Konrad II. residierte auf einer neuen Burg, die wohl zwischen der Wieninger- und der Gottesackerstraße stand. Er starb auf einem Feldzug des Kaisers in Italien und wurde im Kloster Scheyern beigesetzt.
Der einzig überlebende Sohn Konrad III. hatte keine Nachkommen, und das Grafengeschlecht erlosch. Die Mutter verkaufte die Grafschaft Dachau gegen 10 Mark Gold und 80 Pfund Silber an die Wittelsbacher. Eine Begebenheit in Konrads Leben ist für das Kloster Scheyern bedeutsam: Nach der Rückkehr aus dem Heiligen Land erhielt Konrad vom Patriarchen von Jerusalem einen Brief mit der Bitte, die von seinem Vater geraubten Kreuzpartikel zurückzugeben. Aber Konrad III. behielt die Kreuzreliquie. Diese gelangte später nach Scheyern und wird noch immer im Scheyerner Kreuz verehrt. So wurde das Kloster ein berühmter Wallfahrtsort.

 
3. Herzog-Wilhelm-Straße
Unter Herzog Wilhelm IV. (1493-1550) begann in Dachau der Neubau eines Schlosses auf dem heutigen Schlossberg. Dort war der Standort der dritten Burg im Markt Dachau. Der Herzog regierte in der Zeit der Reformation mit den schrecklichen Religionskriegen. Aber der Wittelsbacher widersetzte sich dem neuen Glauben und blieb katholisch. So blieb auch sein damaliges bayerisches Herrschaftsgebiet katholisch. In seine Zeit fällt der Erlass des Reinheitsgebotes für das Bier.

 
4. Herzog-Albrecht-Straße
Herzog Albrecht V. (1528-1579), der Sohn von Wilhelm IV., ist der Bauherr des imposanten vierflügeligen Renaissance-Schlosses in Dachau. Dazu ließ er noch den Hofgarten zum Verlustieren der Hofgesellschaft anlegen. Für die Herzöge war die Gegend um Dachau ein gutes Jagdrevier, und so diente das Sommerschloss zum Feiern. Berühmt war damals schon der Festsaal im ersten Stock mit der hölzernen Kassettendecke und ihrem Wappenprogramm. Die Wände schmückten flämische Bildteppiche, von denen heute nur noch ein Gobelin mit einer Herkulesdarstellung angebracht ist. Albrecht V. war wie sein Vater ein erbitterter Gegner der Reformation. Er holte die spanischen Jesuiten an die Universität in Ingolstadt, und diese forcierten die Gegenreformation mit Erfolg. Der Herzog förderte Kunst und Musik und gründete die Hofbibliothek in München. Mit seinen Baumaßnahmen verschuldete er allerdings sein Land.
Wer von den zahlreichen Zuhörern hätte gedacht, dass hinter diesen vier Straßennamen so viel spannende Geschichte steckt? Frau Schwenke illustrierte ihren Vortrag mit Abbildungen von den Herzögen und Schlossansichten aus verschiedenen Zeiten. Von der Frau Erchana gab es natürlich kein authentisches Bild. Dafür zeigte sie ein Foto, auf dem das höfische Leben zu Erchanas Zeit nachgestellt wurde. Dies hatte sich die Thoma-Gemeinde anlässlich der 1200 Jahr-Feier der Stadt Dachau ausgedacht.

Ursula Koch