Marterlsprüche und Grabinschriften

Wolfgang Hartmann am 5.November 2014

  Der Referent Wolfgang Hartmann hat schon mehrmals bei der Seniorenrunde „Miteinander – Füreinander“ im Pfarrsaal von St. Jakob interessante und nicht alltägliche Vorträge präsentiert. Sein Thema am 5. November 2014 passte zu den Totengedenktagen Allerheiligen, Volkstrauertag und Totensonntag. Es hieß so: Marterlsprüche und Grabinschriften auf Feldkreuzen, Sühnekreuzen und Totenbrettern. Hartmann ist schon seit vielen Jahren auf der Suche nach originellen Texten. Anfangs war er mit seiner Frau Ute in unserer Region unterwegs. Dann weitete er seine Erkundigungen aus und bereiste Bayern und Österreich. An Hand von vielen Fotos erklärte er die Hintergründe für Marterlsprüche und Grabinschriften.

Marterl stehen immer an den Stellen, an denen ein Mensch zu Tode gekommen ist. Wer an ihnen vorbeikommt, soll an den Verstorbenen denken. Wer ihn kannte, soll sich immer wieder an ihn erinnern.
Viele Marterl stehen in den Bergen. Dort droht ständig die Gefahr, wegen eines Unfalls bei der Arbeit zu sterben. So verunglücken vor allem Holzfäller, Jäger und Wilderer tödlich. Sie sterben „unversehen“, d.h. kein Priester konnte ihnen die Sterbesakramente spenden. Für gläubige Menschen ist das ein schreckliches Schicksal, denn sie glauben, dass die Seele des Verstorbenen lange Zeit im Fegfeuer für seine Sünden büßen muss. Auf dem Marterl stehen deswegen der Name, das Geburts-und Todesdatum und oft ein frommer Spruch, den man für die „arme Seele“ beten soll. Dazu kann man die Unfallursache nachlesen, und so mahnt ein Marterl zugleich vor den Gefahren der Berge. Am Schluss solch einer Inschrift steht oftmals die lateinische Abkürzung der Hoffnung: „R.I.P." „Ruhe in Frieden“. Hartmann las aber auch Inschriften vor, die ironisch und spöttisch abgefasst sind. Man lacht zunächst über die humorvollen Reime, findet diese dann aber doch makaber oder bösartig.

Feldkreuze sind ebenfalls Gedenkkreuze, und der Anlass, sie aufzustellen, waren immer Todesfälle. Ihre Inschriften gleichen denen der Marterl. Es gibt Beispiele, die an die verlorene Heimat und an die dort zurückgebliebene Familie erinnern. Ein Feldkreuz rührte besonders an: Denn einige der anwesenden Zuhörer aus Prittlbach erkannten sofort das Gedenkkreuz des 14-jährigen Michael Wackerl, der beim Einmarsch der Amerikaner von der SS erschossen worden war.

   

Inschriften auf Grabsteinen
enthalten in heutiger Zeit meist nur den Namen, das Geburts- und Todesdatum und einen kleinen Spruch. Ältere Grabsteine geben zusätzlich Auskunft über Todesursache, Familienstand und Wohnort des Bestatteten. Häufig kann man den Lebenslauf und eine Würdigung der Lebensleistung lesen. Die Inschriften für die im Krieg Gefallenen sind Zeugnisse für die Ortschronik.

Totenbretter waren im Bayerischen Wald in Gebrauch. Da es Särge gab nicht auf Vorrat gab, wurde der Verstorbene zunächst auf ein Totenbrett gelegt. Dann erst fertigte der Schreiner einen Sarg. Nach der Bestattung beschriftete und verzierte er das Brett. Totenbretter sind an Kapellen (z.B. im Landkreis Dachau an der Kapelle Geiselwies bei Sittenbach), an Wegkreuzen und in Friedhöfen aufgestellt. In Einödhöfen lag ein Toter oft über den langen Winter auf seinem Totenbrett, weil die Angehörigen nicht den Schreiner aufsuchen konnten. Ein Aspekt der Volksfrömmigkeit war, dass man glaubte, eine Seele müsse so lange im Fegfeuer leiden, bis das Totenbrett verfault ist.

Am Ende seines anschaulichen Vortrages zeigte Herr Hartmann eine Fotoserie von Votivtafeln. Die Stifter bringen diese in eine Wallfahrtskirche als Zeichen des Dankes für die Hilfe der Muttergottes oder des Heiligen, der ihnen beigestanden ist. Die Inschriften geben Auskunft, dass die Geretteten schwere Krankheiten, Unwetter oder gefährliche Unfälle überlebten.
Dem Referenten gelang es, dass die Zuhörer trotz der vielen Beispiele zum Totengedenken nicht in trauriges Nachdenken verfielen, sondern eher heiter gestimmt nach Hause gingen.
Ursula Koch