Geheimnisvolle Wesen-Die Erzengel

Ursula Koch am 4. Januar 2017

Die Zuhörer staunten, als die Referentin zu Beginn feststellte, es gäbe eigentlich sieben Erzengel. Sie würde aber nur die vier bekanntesten vorstellen. Deren Namen stehen im ägyptischen Buch Henoch (1.Jh. v.Chr.). Der Seher Henoch nennt ihre Namen und deren Bedeutung:

Michael: Wer ist wie Gott? Gabriel: Gott ist stark
Raphael: Gott heilt Uriel: Gott ist Licht


Die Endung -el drückt eine enge Verbindung zu Gott aus. Die Zahl 4 gilt als Grundzahl der Schöpfung. Gott ordnete den Raum sinnvoll. Ein Zeichen dafür ist das vierseitige Quadrat. Es steht für das Heilige im Himmel, den Thron, und für das Allerheiligste auf der Erde, den Tempel. Die vier Engelfürsten umgrenzen den Raum des Heiligen im Himmel. Die Kirche begeht den Festtag für alle vier Erzengel am 24. September.


 Wallfahrtskirche Maria Himmelfahrt, Asch Osttirol, 18.Jh.  Lotenberger Altar,15.Jh.


Gabriel
, meist rot gewandet, ist der Engel aller Anfänge. In der Kirche ist ihm der Ostchor zugeordnet. Dort strömt das Morgenlicht herein. Der erste Tag der Woche, der Montag, ist sein Tag. In dem Wort Montag steckt das Wort „Mond“. Dessen Kräften ist das Weibliche zugeordnet, das Leben schenkt. Gabriel ist also der Erwecker des Lebens und Hüter des Wachsenden. Deswegen ist es nicht verwunderlich, dass er als Bote Gottes zu dem Hohepriester Zacharias und zu Maria gesandt wird, um neues Leben anzukündigen. Nun wird die Bedeutung des Engels als „Kraft Gottes“ klar: Gabriel ist Träger und Mittler der göttlichen Zeugungskräfte.
Gabriel kommt meistens von links zu Maria. Dies deutet auf das Weibliche, das Empfangende hin.
Der Bote trägt einen Botenstab. Über die Jahrhunderte vollzog sich ein Wandel in der Darstellung und Bedeutung des Stabes. Aus der byzantinischen Standarte wird ein Kreuzstab. Dann wird der Botenstab ein symbolischer Lebensbaum. Auf diesen folgt ein Drei-Lilien-Stab, der zunächst auf die Dreifaltigkeit hinweist. Diese Bedeutung wird aber verändert: Die Lilie mit ihrem verführerischen Duft ist ein Zeichen für das Weibliche. Steht nun eine Vase mit Lilien auf dem Boden, so weist dies auf Marias Empfänglichkeit hin. Und der Botenstab steht für das Männliche.


Suszal, Russland 13.Jh.  Sankt Katharina Völs am Schlern 


Michael
ist der Wächter des Himmels. Er ist der Engel der Barmherzigkeit und der Gerechtigkeit. Ihm ist der Mittwoch zugeordnet. Als Drachenkämpfer wird er in der Apokalypse des Sehers Johannes beschrieben. Er besiegt den siebenköpfigen Satan, der die sternenumkränzte Frau bedroht. So rettet er das Kind, das die Frau gerade geboren hat. Michael ist der Heiler und Beschützer. Im Altertum sahen die Menschen im tobenden Meer etwas Dämonisches. Deshalb bauten sie an das Ufer und auch an das Flussufer Heiligtümer, die dem Erzengel geweiht waren. Nach einer Legende hielten sie ihn für den Bezwinger der zerstörenden Fluten. Auch glaubten sie, dass er sie von Krankheiten heile. Das Urheiligtum befindet sich im kleinasiatischen Chonae; die Nachfolger in Europa sind die Höhlenkirche auf dem süditalienischen Monte Gargano, der Mont Saint Michel in der Normandie und der Mount St. Michael in England. Michael ist der Seelengeleiter. Er beschützt die Seele auf ihrem von Dämonen bedrohten Weg durch das finstere Totenreich zum ewigen Licht. Bevor die Seele in das Reich Gottes gelangt, muss der Engel erst die guten Taten und die Sünden des Verstorbenen wägen. Wie ein Ritter gerüstet, stürzt er jene Engel, die Gottes Widersacher sind, in die Verdammnis.
Da Michael als Kämpfer gegen die Mächte der Finsternis verehrt wird, ist ihm der Westchor in der Kirche zugeordnet. Von den Türmen aus kämpft er gegen den Satan, der sich die Nacht zu eigen macht.

 Tobias mit Fisch und Erzengel Raphael   Erzengel Uriel


Der Erzengel Raphael gilt als Heiler und Engelfreund. Er heilt die Menschen, die an Leib und Seele erkrankt sind. Dargestellt wird er als Begleiter eines Jungen, der einen großen Fisch trägt. Diese Szene bezieht sich auf eine Erzählung aus dem Alten Testament, das im Buch Tobit aufgeschrieben ist. Da schickt der verarmte und blinde Tobit seinen Sohn Tobias in eine fremde Stadt, damit dieser seine dort aufbewahrten Silbermünzen heimholt. Als Begleiter bietet sich der Erzengel in der Gestalt eines fremden Mannes an. Auf dem gemeinsamen Weg bewahrt Raphael den Jungen vor Gefahren, rettet diesen vor einem riesigen Fisch, und er führt ihm eine junge Frau zu, deren Dämon er vertrieben hatte. Auch bringt er das Geld des Vaters herbei. Am Schluss der Heilsgeschichte kann der Vater wieder sehen, und er ist von seiner Armut befreit. Raphael erklärt sich und kehrt zu Gott zurück. Vater und Sohn sind dem Engelfreund sehr dankbar und preisen Gott.

Uriel als Lichtgestalt wurde im 8. Jh. von der Kirche abgelehnt. Deshalb ist er nie populär geworden, obwohl sein Wirken allumfassend ist. Als Führer der geistigen Himmelslichter sorgt er für die geistige Ordnung im Weltall. Er tröstet und schützt die Menschen vor Krankheiten und Dämonen. Er bewacht die Tore der Unterwelt und öffnet sie am Tag der Auferstehung. Er ist der Engel der Sonne, deshalb ist ihm der Sonntag und die Wärme des Tages zugeordnet. In außerbiblischen Schriften tritt er als Bote Gottes auf. Die berühmteste Uriel-Skulptur steht auf dem Campanile gegenüber dem Dogenpalast in Venedig. Dort wacht er über die Stadt. Zeitgenössische Bilder zeigen, dass er wieder an Bedeutung gewonnen hat und von der Kirche anerkannt ist.

Die vier Erzengel handeln zum Wohle aller Menschen. Doch glauben die Menschen schon lange, dass jedem einzelnen ein besonderer Schutzengel beigestellt sei. Offiziell wurde im 17. Jh. aus dem Drachenbezwinger Michael und dem Beschützer Raphael der Schutzengel. Für ihn wurde ein eigenes Schutzengelfest eingeführt.

Die Referentin las zum Abschluss ihres Vortrags einen irischen Engelsegen vor und wünschte den andächtig lauschenden Zuhörern einen Engel Gottes an ihrer Seite. Besinnliche, instrumentale Weihnachtsmusik und ansprechende Bilder aus verschiedenen Epochen hatten zur besonderen Stimmung im Pfarrsaal beigetragen.

Ursula Koch