Votivtafeln und Votivgaben

als Spiegel menschlichen Lebens


Erhard Karl, Neuaubing, am 10. Januar 2018


Nach Jerusalem, Santiago de Compostela, Lourdes, Fatima und Loreto ist Altötting der meistbesuchte Wallfahrtsort der Welt. Jährlich pilgern über 1 Mio. Menschen zum Bildnis der Schwarzen Muttergottes in der dortigen Gnadenkapelle, um davor zu beten, zu danken oder ein Anliegen vorzubringen. 1489 setzte die Wallfahrt ein, und sie besteht seit jener Zeit ohne Unterbrechung, trotz Reformation und vieler Kriege. Denn das bayerische Herrscherhaus der Wittelsbacher blieb katholisch und erwählte Altötting zum Glaubensmittelpunkt Bayerns. Und das blieb es bis in die Gegenwart.

Der Referent Erhard Karl ist ein ausgezeichneter Kenner der Heimat-und Wallfahrtsgeschichte dieses Ortes. Er hat ein Altöttinger Lesebuch zur Heimat- und Wallfahrtsgeschichte herausgegeben. In seinem tiefgründigen, reich bebilderten Vortrag erläuterte er, was aus den vielen Bildern im Umgang der Gnadenkapelle herauszulesen ist.

Zunächst ging er auf die 61 Mirakeltafeln ein, die in ihrer Größe von durchschnittlich 2m x 0,5m sofort auffallen. Dem Betrachter sollten sie das Heilsgeschehen vermitteln und als Werbung für die Wallfahrt dienen. Sie ergänzten die Mirakelbücher bildlich. Dem Leseunkundigen war sie eine „biblia pauperum“. Die älteste Tafel ist auf das Jahr 1514 datiert und berichtet von der Heilung eines an Epilepsie erkrankten Kindes. Eine Mutter aus Villach in Kärnten hatte sich mit ihrem Buben mit der „sant valentins kranckheit“ auf den Weg nach Altötting gemacht und dort Heilung erlangt. Die größte Tafel erzählt von einer Rettung aus Seenot und die dramatischste Tafel von der Errettung bei einer Räderung.

Rund 2000 Votivtafeln sind in und an der Gnadenkapelle angebracht. Allen sind diese Grundelemente gemeinsam:
• Kultbild: der angerufene Heilige ist abgebildet; in Altötting die Muttergottes, meist im Wolkenkranz.
• Opfersubjekt: der Stifter ist abgebildet.
• Opferobjekt: der Anlass der Stiftung ist beschrieben.

Die Bildmotive sind volkstümlich dargestellt:
• Die Stifter sind oft hintereinandergereiht.
• Anlass, Bitte und Hilfe sind gleichzeitig dargestellt.
• Die Darstellungen sind drastisch-plastisch, oft perspektivisch verzerrt. Häufig sind die abgebildeten Menschen aneinandergereiht.
• Das Bedeutsame wird hervorgehoben.
• Namen werden genannt, und Kurzformeln werden gebraucht.
Da Handwerker die Tafeln herstellten und diese bemalten, fielen die Darstellungen recht naiv aus.

Älteste Votivtafel 1514 Sturz vom Gerüst 1952

Die älteste Votivtafel stammt von 1501 und zeigt ein Kind im Bett. Gestiftet wurde die Tafel aus Dank für die Heilung von „hinfaltn sichtn“. Gemeint ist hier wieder die Krankheit Epilepsie, welche die Menschen im Mittelalter als Strafe Gottes für ein Vergehen angesehen haben. Man glaubte, ein böser Dämon habe sich des Menschen bemächtigt. Andere Votivtafeln berichten von Rettung aus Unfällen, Heilung kranken Viehs, Verschonung vor Bränden oder Unwetterkatastrophen, also von einem guten Ende aller schlimmen Ereignisse, die Menschen widerfahren waren.

Votivgaben haben ihren Ursprung in der griechischen Antike. Damals suchten kranke Menschen den Tempel des Gottes Aeskulap auf. Sie glaubten, dass dieser sie von ihren Gebrechen heilen könne. Dies sollte bei Nacht geschehen, wenn die Menschen nach einer langen Verweildauer sich häufig im Trancezustand befanden. Der Heilsgott erhielt Opfergaben. Im Tempel befanden sich Schlangen. Deswegen ist das Kennzeichen der Ärzteschaft der Aeskulapstab mit einer sich herumwindenden Schlange.

Herr Karl definierte die Votivgaben unserer Zeit folgendermaßen:
Votivgaben verkörpern bestimmte Intentionen, besonders bezeugen sie Dank für erhaltene Hilfe.
Sie drücken Frömmigkeit in optischer Kurzform aus.
Sie sind ein persönliches Opfer.
Der Adel stiftete kostbaren Schmuck, ein Stück vom Brautkleid, einen Brautkranz. Ein neueres Beispiel: Papst Benedikt XVI. verehrte der Muttergottes seinen Kardinalsring.

Viele der Votivgaben bestehen aus Wachs und sind als Körperteile gestaltet. Sie erzählen, welcher Körperteil geheilt wurde. Krötengebilde, alte Darstellungsweisen der Gebärmutter, sind ein Zeichen für die erhaltene Fruchtbarkeit. In der Gnadenkapelle gibt es sogar eine „orthopädische Abteilung“. Dort hängen Krücken, altertümliche Gehhilfen, Prothesen, Gipsmanschetten oder Skistöcke. Welches Unglück da den jeweiligen Geber ereilt hat, ist leicht zu ersehen.



Wer als Besucher oder Pilger die Gnadenkapelle betritt, erfährt von Licht und Schatten im menschlichen Leben, erfährt die menschlichen Nöte aller Zeiten und die Rettung daraus oder die Heilung davon. Der älteste Teil des Gebäudes ist als Oktogon errichtet und war eine Taufkapelle. Die Zahl 8 ist ein Symbol für die Taufe als ein Neuanfang. Für die Stifter der Gaben ist sie ein Symbol für ein neues geschenktes Leben.

Für den großartigen Vortrag von Herrn Karl bedankten sich alle Zuhörer mit langem Beifall. Den Mythos Altötting betrachte man nun mit anderen Augen und neuem Wissen, meinten viele.

Ursula Koch