Interreligiöses Beten für den Frieden?

BetenGemeinsames Gebet oder gemeinschaftliches Beten?

„Der Friede ist ein Geschenk Gottes und zugleich ein Plan, der realisiert werden muss und nie ganz vollendet ist. […] Fanatismus, Fundamenta-
lismus und Handlungen, die gegen die Menschenrechte verstoßen, können niemals gerechtfertigt werden, am wenigsten, wenn sie im Namen der Religion geschehen.“ (Aus der Botschaft Papst Benedikts XVI. zur Feier des Weltfriedenstages am 01.01.2011)

Der Frieden hat in allen Religionen einen hohen Stellenwert. Aber in nicht wenigen Regionen auf unserem Globus werden religiöse Ansichten heute nicht mit friedlicher Absicht kundgetan. Sie werden sogar offen als Mittel zur Spaltung missbraucht oder zwecks Konfrontation hinausposaunt. Müssten darum nicht alle, die sich um ein friedliches Zusammenleben ehrlich bemühen, also gerade auch wir Christen, bereit sein, jedwede Friedensbestrebung zu unterstützen? Konkret böte sich hierzu jedem, der Frieden stiften will (Mt 5, 9 und Röm 12, 18), die eine ver-
bindende Gemeinsamkeit zwischen den ansonsten ganz unterschied-
lichen Religionen an: das Beten – also das Anrufen einer Gottheit (bzw. die meditative Hinwendung an etwas Überirdisches). Vielleicht ließe sich durch solidarisches Beten, durch diese übereinstimmende Grundhaltung der Angehörigen der verschiedenen Religionen, durch diese einzigartige Form des Dialogs ein friedfertigerer Umgangston in der Welt herbeiführen: „Beten verändert nicht die Welt. Aber beten verändert die Menschen, und Menschen verändern die Welt.“ (Albert Schweitzer)

Aber halt!  Können Christen denn überhaupt mit Andersgläubigen gemeinsam beten?

Was spricht gegen gemeinsame Gebete?

Wegen der völlig unterschiedlichen Gottesvorstellungen ist eigentlich eine wesentliche Voraussetzung für ein gemeinsames Gebet nicht erkennbar. Die Christen beten zum dreieinen Gott, der so noch nicht einmal von den anderen abrahamitischen Religionen (Judentum, Islam) anerkannt wird. Manche Religionen, wie etwa der Buddhismus, kennen nicht einmal eine personale Gottesvorstellung. Hier fehlt somit die allmächtige Persönlichkeit Gottes, die man betend ansprechen könnte.

Beten katholisch auf der Thomawiese

Außerdem gibt es kein allgemein gültiges Verständnis des Gebetsinhalts. Zwar kommt das Gebet in allen Reli- gionen vor, es spielt in einigen von ihnen jedoch eine uns nicht so vertraute Rolle. Die Gebete der Buddhisten, zum Teil auch der Hindus mit ihren Yogaübungen, sind in unseren Augen nur meditativ angelegt und steuern allein auf das Einssein mit dem Allseienden, dem Allumfassenden hin oder streben gar nach dem völligen Nicht-Sein. Diese Formen des Gebetsverständnisses kommen bei den christlichen Betern dem Streben nach dem "eins mit Gott werden" nahe.  Zumindest die katholischen Christen kennen diese Haltung beim Beten des Rosenkranz oder beim Herzensgebet. Dieses "Jesusgebet" hat nicht nur bei uns, sondern v.a. in der orthodoxen Tradition seinen festen Platz. Dennoch sind uns - nicht nur bei den Gebeten um den Frieden - auch die Fürbittgebete sehr wichtig.

Beten der Muslime in den Moschee Dachau-Etzenhausen

Manch einer befürchtet gewiss noch mit Recht ein Abwürgen oder zumindest eine Reduzierung des christlichen Glaubenszeugnisses, weil aus gut gemeinter Rücksichtnahme auf andere Überzeugungen die christlichen Glaubensaussagen abgeschwächt oder relativiert werden könnten.

Welche Voraussetzungen könnten dennoch gemeinschaftliches Beten zulassen?

Man sollte hier unterscheiden zwischen dem "interreligiösen Gebet“ und dem "multireligiösen Beten". Ein „interreligiöses Gebet“ würde von Vertretern verschiedener Religionen gemeinsam formuliert, verantwortet und gesprochen. Das wäre heikel und ist derzeit sogar unter den abrahamitischen Religionen undenkbar. Beim „multireligiösen Beten“ aber, das wir (seit dem Weltgebetstreffen für den Frieden in Assisi 1986) guten Gewissens unterstützen können, sprechen die Angehörigen der verschiedenen Religionen jeweils für sich die aus ihrer eigenen Tradition heraus formulierten Gebete, während die übrigen Anwesenden „nur“ andächtig zugegen sind. „Multireligiöse“ Gebete würden dann aber wohl treffender „Gebete der Religionen“ heißen.

Beten ökumenisch in der Friedenskirche Dachau

Das gemeinschaftliche Beten kann die Teilnehmer dafür sensibilisieren, Berührungspunkte und Gegensätze offenzulegen, einander in der Andersartigkeit besser zu verstehen, kann aber durchaus auch den eigenen Glauben vertiefen. Das gemeinschaftliche Beten eröffnet den Zugang zur Frömmigkeit einer anderen Religion, bereitet Wege zur gegenseitigen Bereicherung und zur Förderung und Bewahrung der ethischen Werte und der kostbaren Ideale des Menschen. Christen richten ihre Gebete an den dreieinigen Gott, an ihren Schöpfer; sie könnten aber dabei auch überdenken, ob sie ihren dreieinen Gott nicht doch als den Schöpfer aller Menschen verstehen – keineswegs bloß der Christen.

Beten katholisch in Mariä Himmelfahrt

Die Veranstaltungen mit „Gebeten der Religionen“ sollten unbedingt von allen Teilnehmenden gemeinsam vor- bereitet und aufeinander abgestimmt werden. Die Texte müssen selbstverständlich so formuliert sein, dass die religiösen Gefühle der anderen respektiert werden und sie auf keinen Fall verletzen. Nach Absprache könnte man Gebärden, Gesten und geeignete Zeichen und Symbole einbeziehen, wie etwa Hände halten, Blumen austeilen, Kerzen anzünden, schweigendes Gedenken, Formen des Friedensgrußes usw. Bei musikalischen Beiträgen muss sichergestellt sein, dass alle Teilnehmer sie gutheißen können. Instrumentalmusik kann das oft besser gewährleisten als Gesang. Interreligiöse Begegnungen sollten eher nicht in einem Sakralraum stattfinden, sondern schon aus Rücksicht auf das Bilderverbot, das für Juden wie für Muslime gilt, in neutralen Räumlichkeiten.

Beten der muslimischen Männer in der Moschee Dachau-Etzenhausen

Bei den Folgetreffen des Friedensgebets von Assisi 1986 übrigens, welche die katholische Gemeinschaft „Sant’Egidio“ nun also seit 25 Jahren organisiert, finden die Gebete zwar stets zeitgleich, aber doch wieder in getrennten Räumen statt. Auch das Gebet für den Frieden am 13. September 2011 in München wurde parallel um 17.00 Uhr an sechs verschiedenen Orten angesetzt: für alle Christen im Dom, für Juden in der Synagoge am Jakobsplatz, für Muslime in einer Schule in der Damenstiftstraße, für Buddhisten im Stadtmuseum, für Hindus, Jainas, Zoroastrier im Pfarrsaal von Heilig Geist und für Tenrikyo und Shintoisten im Asamhaus-Innenhof. Die Treffen im Geist von Assisi werden längst als eine wertvolle Gelegenheit zum religiösen wie kulturellen Dialog und Austausch geschätzt. Mehrmals haben sich daraus konkrete Friedensinitiativen entwickelt.

Beten ökumenisch in der Friedenskirche Dachau

Eines bleibt am Ende offen: Die Frage, welche Religionsgemeinschaften die „Richtigbetenden“ sind, welche Gebete folglich von Gott gehört werden und welche nicht, diese Frage entscheiden nicht wir. Diese Entscheidung steht schließlich nur dem zu, zu dem man betet. „Wer betet, soll niemals denken, dass er wegen seiner Verdienste oder der Würdigkeit seines Gebets erhört werde, sondern allein um der Güte und Barmherzigkeit Gottes willen.“ (Katharina von Siena). Alle wahrhaft religiösen Menschen sind sich gewiss in der Überzeugung einig (wie es „Sant’Egidio“ ausgesprochen hat), „dass jede Religion zutiefst vom Geschenk des Friedens durch Gott und von der Hoffnung auf seine Verwirklichung durch die Menschen geprägt ist.“
Dieter Reinke
(Sämtliche Fotos zum Text wurden an verschiedenen Orten in Dachau aufgenommen.)
 
Alle Artikel und Kommentare in unserer Rubrik "Theologische Skizzen" geben die Meinung oder die Arbeitsergebnisse des Verfassers wieder. Sie beinhalten in keinem Fall eine offizielle Stellungnahme des Pfarrverbands Dachau-St. Jakob.