Von „pallium“ und „palliative care“ - Seit 50 Jahren: Die Schutzmantelmadonna am Marienstift


Die Christkönigkapelle im Marienstift in Dachau lädt immer wieder zum Verweilen ein. Schon den sehenswerten Blickfang im Vorraum außerhalb der Kapelle wird der ankommende Besucher kaum übersehen: das gegossene Bronze-Relief draußen unmittelbar neben der Eingangstür. Eine gekrönte Madonna, die „Himmelskönigin“ also, ist mit einem kostbaren Mantel mit auffälligen Blumenornamenten bekleidet. Sie trägt das ebenfalls gekrönte Jesuskind auf ihrem rechten Arm und in der linken Hand ein Zepter.

Haltung und Ausstattung des heiligen Figurenpaares sollen offensichtlich an das Altöttinger Gnadenbild erinnern. Beide Gesichter im hiesigen Relief wirken aber von Kummer und Schmerz gezeichnet. Und das Gesicht des Jesuskinds ist überhaupt nicht das Gesicht eines Kleinkindes. Die Darstellung soll offenbar eine Vision nachbilden, die die beiden Figuren in unsere Neuzeit projiziert. Denn dass Maria auch noch ausgerechnet ein Kreuz als Schmuck auf der Brust trägt, das passt natürlich schon mal gar nicht in den Zeitabschnitt, als Jesus erst im Kindesalter war.

In diesem Relief ist das Paar umgeben von Scharen pilgernder und wohl auch Schutz suchender Menschen in zwei Reihen im Vordergrund. In der oberen Reihe ist leicht der gesamte Klerus auszumachen, aber auch das einfache Volk ist in der Prozession vertreten; darunter fällt ein Bursche auf, der ein übermannshohes Kreuz trägt.
 
Dieses Kunstwerk macht zweierlei deutlich: Zum einen vertraut das Volk bis auf den heutigen Tag auf den Schutz durch die Himmelskönigin, und es sucht ihre Nähe. Und zum andern geht der Gottesmutter das Mitleiden mit den darbenden Erdengeschöpfen so nahe, dass sie ihre Verzweiflung nicht mehr zu verbergen vermag. In der Haltung nicht, und nicht im Gesichtsausdruck. Doch es gibt noch etwas anderes, was uns Betrachtern als fremd und unüblich auffällt. Maria ist mit jenem kostbaren Gewand bekleidet. Aber in dieser Darstellung scheint der prächtige Mantel Abstand zu den Gläubigen herstellen zu wollen, denn er ist wie zur Abwehr hoch zugeknöpft. So passt der Anblick ganz und gar nicht zur vertrauten, lieb gewordenen Vorstellung von einer Schutzmantelmadonna und damit auch nicht etwa zu dem Liedtext aus dem Gotteslob: „Maria, breit den Mantel aus, mach Schirm und Schild für uns daraus ...“
 
Das klassische Schutzmantelmotiv steht im Mittelpunkt des Festes "Maria, Hilfe der Christen“ am 24. Mai. Das Motiv geht auf den mittelalterlichen Rechtsbrauch des Mantelschutzes zurück; d.h. durch Bedecken mit seinem Mantel garantierte man jemandem demonstrativ rechtlichen oder persönlichen Beistand. Seit dem 13. Jahrhundert gibt es bereits solche Schutzmantelmadonnen in der Bildenden Kunst. Es ging und geht den Künstlern bzw. ihren Auftraggebern hierbei um die bildliche Darstellung von Maria als Schutzherrin aller Gläubigen, die sie unter ihrem ausgebreiteten Mantel sicher behütet. Diese allegorische Vorstellung war dereinst aus Visionen von mehreren Heiligen hervorgegangen.
Allerdings wird der Schutzmantel eben üblicherweise mit einladender Geste weit geöffnet dargestellt. Maria selbst oder eine Gruppe von Engeln, die über ihr schweben, breiten den Mantel aus. Drei solcher althergebrachter Darstellungen von Schutzmantelmadonnen besitzen wir im Pfarrverband: erstens das große Fresko an der nördlichen Chorwand der Pfarrkirche Mitterndorf, zweitens eine aus Holz geschnitzte, farbige Statue an der Orgelempore in der Filialkirche Günding und drittens die eher unscheinbare Bronzestatue an der Fassade unseres Marienstifts – rechts vom Haupteingang.  
Bild oben: Günding   -   Bild unten: Marienstift außen - zur Schillerstraße
 
Warum ist das Stichwort „Schutzmantel“ gerade in unseren Tagen wieder in aller Munde? Ein Mantel oder ein mantelartiger wollener Überwurf hieß im alten Rom „pallium“. Das Wort ist abgeleitet von „palliare“ (bedecken, schützen, umhüllen). Der Caritasverband betreibt gegenwärtig einen beachtlichen finanziellen und personellen Aufwand und bietet intensive Fortbildung mit erfahrenen Fachleuten aus Hospizen an, um in seinen Einrichtungen „Palliative Care“ zu ermöglichen. Für diesen Begriff gibt es noch kein deutsches Wort. „Palliative Care“ hat das Ziel, schwerstkranke Menschen zu umsorgen, wenn sie im medizinischen Sinn „austherapiert“ sind. Das heißt, kein Krankenhaus kann ihnen mehr helfen, sie werden leider binnen weniger Wochen sterben müssen.
 
So wie ein Mantel den Winter nicht vertreiben kann, so kann und wird „Palliative Care“ den Krebs nicht besiegen. „Palliative Care“ will erreichen, dass der Patient sich einigermaßen wohl, geborgen und sicher fühlt. Dazu werden die Schmerzen möglichst ausgeschaltet, und die Atemnot wird gelindert. An die Stelle von Chemotherapie treten nun z.B. Musiktherapie, manuelle Therapie, Aromatherapie und dergleichen. Dementsprechend wird „High-Tech“ quasi abgelöst von „High-Touch“. Auch die psychischen und spirituellen Belange sowie die religiösen Bedürfnisse der Betreuten werden sehr ernst genommen; und die Angehörigen der Sterbenden werden in die Obhut und Fürsorge mit einbezogen.

Vor solch einem Hintergrund ist der Schlüsselbegriff „Schutzmantel“ für das Personal jedes Alten- und Pflegeheimes im Caritasverband seit jeher und vor allem gegenwärtig brennend aktuell. Keine Bewohnerin, kein Bewohner wird aufgegeben oder der Einfachheit halber ins Krankenhaus abgeschoben. Die schlichte Schutzmantelmadonna an der Fassade des Marienstifts bekundet, dass in diesem Caritashaus die Gottesmutter Maria ihren Mantel zum Schutz, zur Fürsorge und zur Obhut für jede und jeden weit ausgebreitet hält. Und alle Pflegekräfte, alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Hauswirtschaft, in der Verwaltung und in allen anderen Bereichen unterstützen sie dabei.

Am 26. Oktober 2012 konnte das Caritas-Altenheim in Dachau sein 50-jähriges Bestehen feiern. Mit einem Klick hier gelangen Sie zu diesen Feierlichkeiten.

Dieter Reinke


Bild unten: Das Fresko in der Pfarrkirche St. Maria und St. Nikolaus in Mitterndorf