Adolph Kolping und die Nöte der Zeit

200 Jahre Adolph Kolping - 150 Jahre Kolpingsfamilie Dachau

Pater Klaus Spiegel am 3. Juli 2013

„Was sagt Adolph Kolping den Familien, dem Pfarrverband, unserer Gesellschaft?“ Mit dieser Frage zu Beginn seines Vortrags initiierte Pater Klaus Spiegel OSB am 3.Juli 2013 bei den Senioren von St. Jakob sofort die gespannte Aufmerksamkeit der vielen Zuhörer. Zugleich umriss er die Persönlichkeit des Seligen, auf dessen Heiligsprechung schon lange gewartet wird. Kolping war Priester, Pädagoge, Sozialreformer und Publizist. Sein Lebenswerk fordere uns heraus. Die Nöte der Zeit lehren, was in seinem Sinne zu tun wäre. Ursprung und Wurzeln seiner Ideen könnten Geist und Kraft für die Gegenwart geben.
„Die Reichen werden immer reicher, die Armen werden immer ärmer“. Dieses Zitat Kolpings ist aktuell bis heute. Die industrielle Revolution des 19. Jh. forderte ihren Tribut: die Verelendung der Arbeiter. Kolping war sich in der Beurteilung der Lage der Werktätigen einig mit Karl Marx, der in seinem „Kommunistischen Manifest“ das Proletariat aufrief, sich gegen die ausbeutenden Herrschenden aufzulehnen. Marx forderte die Veränderung der politischen Verhältnisse. Kolping sah dagegen eine Verbesserung der Lebensverhältnisse nur dann möglich, wenn der Mensch sich ändere. Nicht mit Gesetzesparagraphen wende sich die Situation der Arbeiter zum Guten, sondern durch Erziehung. Um zu dieser Einsicht zu gelangen, hatte Kolping einen langen, harten Weg zu beschreiten.
 
Am 8. Dezember 1813 wurde Adolph Kolping in Kerpen geboren, das damals zu Frankreich gehörte. Der Vater war Schuster, und so lebte seine Familie bescheiden, aber sie gab Geborgenheit. Der Junge besuchte die Dorfschule. Wie alle Buben, die aus einer Handwerksfamilie stammten, musste er mit 13 Jahren auf die Wanderschaft als Schusterlehrling. Das geschah nicht freiwillig, sondern die wirtschaftliche Not erforderte es, das Elternhaus so früh verlassen zu müssen. Das Handwerk befand sich wegen der industriellen Revolution in einer schweren Krise. Die acht Lehrjahre bedeuteten Bettelei, geringen Lohn, dunkle, schmutzige Herbergen und Spelunken, Rohheit und Vereinsamung. Aber der junge Mann war ehrgeizig, in gewisser Weise auch arrogant, so Pater Klaus. Er verachtete die Armen und fühlte sich zu Höherem berufen. Sein letzter Lernort war Köln. Dort ging er drei Jahre auf das Gymnasium und schloss mit dem Abitur ab.
Als 24-Jähriger wollte er Priester werden, das sah er als Sprungbrett für Karriere und gesellschaftlichen Aufstieg. Er musste, so Pater Klaus, „unheilig werden“. Nach seinem Theologiestudium in Bonn und München, immer wieder mit chronischen Geldsorgen, aber auch finanziell unterstützt, strebte er die akademische Laufbahn an. In Köln absolvierte er das Priesterseminar und erhielt in der Minoritenkirche die Priesterweihe. Sein Bischof schickte ihn nach Elberfeld im Ruhrgebiet, wo der junge Priester mit der krassen Armut der Arbeitermassen und der unmenschlichen Kinderarbeit in dem Industriegebiet konfrontiert wurde. Kolping sah seine Heimat nun bei den Opfern des Fortschritts und klagte in seinen Predigten deren schlimme soziale Lage an. Er vollzog einen Bruch in seinem Leben: Die Wandlung vom akademischen Gelehrten zum Bruder der an den Rand Gedrängten.

Am 6. November 1846 gründete der Hauptschullehrer Johann Gregor Breuer den katholischen Gesellenverein, der auch für Frauen geöffnet war. Kolping führte Breuers Idee des sozialen Engagements weltweit weiter. Als Präses hatte er eine klare Zielrichtung, die aber nur für junge Männer galt. Im Gegensatz zu den damaligen religiösen Bruderschaften wollte er keine Gängelung des Gesellenvereins durch die katholische Obrigkeit, aber trotzdem an einer Bindung an die Kirche festhalten. Die soziale Ausrichtung war etwas völlig Neues in der Kirche. Für Kolping war die soziale Veränderung der entwurzelten Unterschicht nur durch die Veränderung der Menschen zu erreichen. Die neu gegründeten Herbergen und Hospize waren Gesellenhäuser, aber keine Suppenküchen. Im Vordergrund stand die Bildung als Hilfe zur Selbsthilfe. Sein Ausspruch „Nur bessere Menschen machen bessere Zeiten“ kennzeichnet seine Einsicht. Seine Mitte blieb das christliche Menschenbild. Dazu muss der Mensch auch „ein bisschen geschoben und gestoßen werden“.
Kolping bereiste Deutschland, Österreich, die Slowakei und Amerika. Sein katholischer Gesellenverein zählte rund 20 000 Mitglieder. Jedoch konnten seine Ideen der wirtschaftlichen Entwicklung nicht standhalten. Der Präses sah sich im Konflikt mit seinen Mitarbeitern. Er wollte nicht nur mildtätig sein, sondern politisch verändern. Dazu verlor das Christentum an Einfluss. Aber Kolpings Ideen flossen 30 Jahre später in die Sozialenzyklika von Papst Leo XIII. ein.
Ruhelos und geplagt von Krankheiten verbrachte der Sozialreformer die letzten 15 Jahre seines Lebens. Überliefert sind die letzten Worte an seinen Bruder:“Mit dem Kreuz rette die Menschen!“.

Pater Klaus gab einen Rückblick auf die Geschichte der Kolpingsfamilie Dachau. Die Vereinsgründung 1863 erfolgte für wandernde Gesellen und verwundete Soldaten. Der Verein sollte nach der Satzung von 1867 „dem Leben dienlich sein“. Für die jungen Männer waren die Ziele Weckung und Förderung, Erwerb von nützlichen Kenntnissen, Unterhaltung und wechselseitige Unterstützung. 1916 bot das Ludwig-Thoma-Haus als Vereinshaus sechs Schlafplätze. 800 – 3000 Gesellen fanden dort Unterkunft pro Jahr. Es gab ein breites Spektrum an Vorträgen und Kultur. Dabei fand modernes Freidenkertum Eingang.
 
Die Zeit des Nationalsozialismus war sehr schwierig, weil Vereine verboten wurden. Deswegen erfolgte die Namensänderung in „Kolpingsfamilie Dachau“. Der damalige Präses warnte vor der Ideologie der Nazis. Pater Rupert Mayer rief im Versammlungsraum in der Unterkirche von St. Jakob zu „vollprozentigem Christentum gegen das Neuheidentum“ auf.



Nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte die Erneuerung des Vereins und der Bau des Jugendheims. Aber der Satz „Gott segne das ehrbare Handwerk“ treffe für die heutige Zeit nicht mehr zu, meinte Pater Klaus. Heute sollte es das politische Engagement sein mit diesen Themen: Junge Erwachsene, Familien, frisch Verheiratete, Asylbewerber, Umwelt und Energie.
„Wer sich defensiv verhält, hat verloren.“ Mit diesem Aufruf beendete Pater Klaus seinen engagierten Vortrag, in dem er die Nöte der Zeit in den Mittelpunkt stellte.
Ursula Koch